Der am Montagabend in Blaubeuren herbeigerufene ADAC-Mensch hatte meine Hoffnung, mit einem beherzten Griff ließe sich das Elchauge wieder einrenken, zunichte gemacht und mich an die nächste Vertragswerkstatt in Ulm verwiesen: ohne Ersatzteil war da nix zu machen.
Eigentlich hatte ich diese Stadt gar nicht auf dem Plan. Aber nachdem der Beschluss gefasst war, einen Tag dort zu verbringen dieweil der Elch verarztet wurde, regte Sam an, ich solle mir das Münster nicht entgehen lassen. Gesagt, getan.

Bombastisch - phallisch - auch schön!

Meine Oma Emma hatte eine Schwester, deren eineiige Zwillingsschwester mit acht oder neun Jahren in der pommerschen Ostsee ertrunken ist, wenn ich das recht erinnere. Diese überlebende Zwillingin, Tante Lieschen war ihr Name, lebte in Ulm und kam manchmal für ein paar Tage zur Oma auf Besuch, als ich noch sehr klein war. Die Sache mit dem Spatz fiel mir peu a peu wieder ein, dämmerte an die Oberfläche. Ich weiß gar nicht, ob sie jemals verheiratet war, diese Großtante - also nicht mal, ob sie noch Möske hieß oder anders.
Beim Umrunden des Münsters traf ich eine Ulmerin, die intensiv die erklärenden Tafeln studierte. Sie erzählte, dass sie Besuch von auswärts erwartete und sich nun schlaumachte, damit sie den Gästen auch was erzählen könnte über das Gebäude: "Ich geh' ja jeden Tag 'dran vorbei und guck' jetzt erst mal richtig hin!"

Martialisch, kämpferisch - gut und richtig. Auch und gerade bei den Gedenktafeln für die Gefallenen in einer Kirche! Finde ich jedenfalls.

Also das Münster. Im Gegensatz zu einem den Bischofssitz repräsentierenden Dom ist diese Kirche von den Bürgern für die Bürger gebaut worden. Ich empfand sie wohnlich und lebendig. Viele Fragen habend, lauschte ich, wie ein älterer offizieller Erklärbär einer ebenfalls nicht mehr ganz jungen Frau vom Bildersturm und seinen Folgen erzählte. Fragte die doch am Ende:"War das Münster denn schon immer evangelisch?" Seufz.
Naja, die Menschen, die für die Touristenfragen parat standen, versammelten sich irgendwann um mich, weil ich so viel wissen wollte. Unerwartet traf ich hier auch noch auf ein
Foucaultsches Pendel, das mir eine Menge sagt, seit ich den danach benannten Roman von
Umberto Eco gelesen habe. Nicht nur an dieser Stelle in Zeit und Raum haben sich mal wieder mehrere Ebenen berührt.

Die Turmbesteigung schaffte ich nur bis hierher, nicht höher. Das lag aber mehr an den schlauchartigen Wendeltreppen als an der Nähe zum Himmel.
Keith Haring - voll integriert :)

Sehr rücksichtsvoll künftigen Restauratoren gegenüber: das bemalte Rathaus. Ich stell' mir halt' vor, dass sich so etwas leichter erhalten lässt als filigrane Metzarbeiten aus Sandstein.

Die Brücke zwischen Ulm und Neu-Ulm. Donau auf- und abwärts betrachtet. Sucht's euch aus.

Der Metzgerturm, der, wenn ich mich recht entsinne, sogar schiefer steht als der Turm in Pisa. Klar, gründet ja auch auf weichem Donauufer.

Auf der Bank am Baum habe ich klares, kaltes Wasser getrunken und meinen Apfel mit einem hübschen, frechen Sperlingsmann geteilt.