Montag, Oktober 23, 2006

Beziehungen

Inzwischen habe ich mir angewöhnt, Luisas Tagebuch und Ingrids Blog "Tage und Nächte" so ziemlich täglich zu lesen. So kenne ich also die Lebensumstände beider einigermaßen, sagen wir mal, die Rahmenbedingungen.

Jedenfalls leben beide schon ein bisschen anders als ich mit Mann, drei Kindern, nicht berufstätig. Ich sehe mich eigentlich nicht als "Heimchen am Herd", aber wenn Ingrid anfängt von ihren anderen Gesellschaftsmodellen, die sich eben nicht um Familie und Ehe drehen oder Luisa schreibt, dass sie statt dem Terminkalender ihren Gefühlen folgt, fange ich schon mal an, meinen eigenen Lebensentwurf, na, sagen wir mal, nicht in Frage zu stellen, aber doch kritisch zu beleuchten.

Diesen Mann wollte ich und Kinder zu haben ist unkomplizierter, wenn man miteinander verheiratet ist. Pragmatismus?

Bin ich jetzt seriös?

Aus dem elterlichen Nest geflüchtet, bin ich wohl ein paar Jahre allein gewesen, finanziell und auch sonst auf mich gestellt, der Kontakt zur Familie war eine Zeit lang ziemlich gestört. Aber eben auch: frei. An jeder Straßenecke entscheiden: "Geh' ich jetzt links oder rechts herum?" Niemandem erklären müssen, wann ich wo bin. Einzig meinem Arbeitgeber Rechenschaft schuldig...

Und dann frage ich mich, ist mein Leben jetzt nur eine Phase, von Hormonen bestimmt? Fortpflanzung, und dann? Werde ich nicht mehr Teil eines Paares sein wollen, wenn die Kinder uns nicht mehr brauchen? Manchmal klingt "allein leben" sehr verlockend. (Das mag aber auch an den Kindern liegen, die mich manchmal aufzufressen drohen.)

Aber andererseits verkörpert mein Mann die stärkste Persönlichkeit, die ich kenne. Nach meinem Vater. (Suchen Töchter sich Männer aus, die ihren Vätern ähneln? Wahrscheinlich schon. Nicht alle und nicht unter allen Umständen, aber die Option ist da.) Und ich teile meine Ansichten mit diesem meinem Mann. Niemandem kann ich so gut Themen begreiflich machen, die mir am Herzen liegen. Oft finden Dritte meine Meinung zu extrem.

So ist mein Gatte schon gelegentlich mein Hafen. Aber andererseits reden wir in vielen, vor allem den ganz alltäglichen Dingen, so völlig aneinander vorbei, dass ich mich schon frage: "Sprechen wir überhaupt dieselbe Sprache? Weiß der eine eigentlich genug vom andern?"

Das ist oft genug mit Schmerzen verbunden. Es ist anstrengend. Und manchmal wäre ich froh, die Kraft, die das kostet, für andere Dinge zur Verfügung zu haben. Aber aufgeben, weil es schwierig wird?? Da regt sich Trotz in mir. Ob der gesund ist, weiß ich nicht.

Also, hormongesteuert oder triebgesteuert, keine Ahnung, ob das auf diese "Nestbauphase" im Leben einer Frau zutrifft. Ich trage zur Zeit noch eine Hormonspirale, bin also außen vor, was die natürlichen zyklischen Kräfte angeht. Gedanken darüber, dass Menstruation etwas mehr ist als ein aus hygienischer Sicht lästiger Vorgang, hat mir das Internet zugefügt.

So, wie ich in der Leihbücherei von den Büchern ausgesucht werde, fließen mir auch aus diesem Netz die Informationen und Eindrücke zu, die, wie soll ich das mal ausdrücken?? Hm, die mir das Puzzle allmählich vervollständigen? Die mir in jedem Falle helfen, mich weiter zu entwickeln.

Irgendwie passt es immer. Alles mit allem. Und es ist ein fließender Vorgang.

Kommentare:

sternstunden hat gesagt…

Liebe Kvinna,
deine Gedanken über dein momentan "familiäres " Leben im Gegensatz zu dem ungebundenen Dasein von Ingrid und Luisa (les ich auch öfters) kommen mir ziemlich bekannt vor.
Unsere Lebessituationen sind auch ähnlich :ich bin ebenfalls Mutter und würde das, was meine Partnerschaft ausmacht ähnlich beschreiben wie du.
(Witzigerweise hab ich mir die von dir erwähnte Hormonspirale auch erst kürzlich entfernen lassen.)
Ich gebe zu ,dass das Lesen von Luisas Tagebuch mir meine eigene Unzufriedenheit erst richtig vor Augen geführt hat.Mal einfach in den Tag hineinleben,warten was sich so zeigt und entdeckt werden will,das ist mit dem Tagesablauf einer Mutter eben nicht zu vereinbaren.Und schon gar nicht wenn Eine wie ich noch ein Geschäft an der Backe hat und sich um den Broterwerb kümmern muss!
Aber es geht trotzdem,wir müssen halt unseren eigenen Weg finden.
Ich such mein Glück in den frühen Morgenstunden oder spät,wenn alle versorgt sind.Mystische Kraftplätze fand ich in unserem Garten und direkt hinter dem Haus als ich erst mal mit suchen anfing.
Das Internet und das Bloggen bringen mir auch sehr viel.
Vor allem Austausch,weil die Gleichgesinnten weit verstreut sind und Begegnungen deshalb selten möglich sind.
Ich wünsch dir also noch viel Freude mit deinem Blog.
Liebe Grüe,Stela

kvinna hat gesagt…

Hallo Sternstunden, schön, dass du da bist.

Ich kann von mir sagen, dass ich nicht mehr so frustriert bin, seit ich erfahren habe, dass es keine Spinnerei ist, unter den sichtbaren Oberflächen auch noch andere Kräfte zu spüren und sie gelten zu lassen.

Teil zu haben an diesem Gewebe ist gut für mich, anders kann ich es einfach nicht ausdrücken.

Alle andern Worte haben etwas mit Produktivität, Vorwärtskommen und Leistung zu tun. Männerworte. Die da nicht passen.

Deine berufliche Selbstständigkeit bringt mich da gerade auf was...

der Gauzibauz hat gesagt…

Hallo ihr beiden,
Stela, wenn du für den Broterwerb zuständig bist, was macht dann dein Mann?
Ausserdem wenn ihr richtig schaut ist Luisa ja auch schon älter.Sie hat ihre
Mutterpflichten hinter sich.Ich selber auch bald.Eure freie Zeit wird wohl erst kommen.
Stimmt,das Lesen bei Luisa und Ingrid
weckt Bedürfnisse sein Leben zu verändern.Finde ich aber gut.
Grüsse

kvinna hat gesagt…

Naja, zumindest mal über sein Leben nachzudenken, oder? Und es öffnet Türen.

Übrigens mache ich seit vier Jahren jährlich einmal Urlaub. Ohne Mann. Ohne Kinder. Aber auch ohne Freundin oder so.

Ganz allein.

Nicht lange, nur ein paar Tage. Aber mir bringt's viel. Ich gucke mir eine Stadt an (in diesem Jahr war's Trier. Bericht folgt, sobald mein PC wieder mit meiner Kamera spricht...), lese, fühle, sehe, und kümmere mich mal nur um mich.

Freie Zeit muss man sich nehmen.