Dienstag, Oktober 31, 2006

Liebe

Manchmal gehe ich mir selbst auf die Nerven.

Immer weiß ich alles besser. Glaube, genau zu wissen, wie andere ihr Leben leben sollen. Zu wissen, wo sie sich selbst betrügen, wo sie noch an sich arbeiten sollten.

Meine große Klappe!

Was weiß ich schließlich über Labbatus Vater oder Stelas graue Haare? Über die Ehen meiner Freundinnen oder die Erziehung der Kinder, die nicht meine sind? Ich steck' doch nicht drin!

Was tue ich da? Flüchte ich vor meinen eigenen Problemen und wälze lieber die der anderen? Kann ich mich nicht mit mir selbst auseinander setzen und bei mir bleiben? Muß ich immer gucken, wie andere das machen, um mich dann daran zu orientieren?

Entsetzt stelle ich fest, dass ich mir auf Gebieten, über die ich eigentlich nicht genug weiß, schnell meine Schubladen herrichte, in die alles hineinpasst. Kommt dann jemand daher, der ganz offensichtlich mehr darüber weiß als ich, stürzt der ganze Kram ein und ich in Verzweiflung, weil der Orientierung verlustig gegangen. Hätte ich halt' abgewartet!

Passiert aber auch, dass ich unwissend und ratlos bin und es kommen Schwätzer daher und ich schwanke: glauben oder nicht glauben? Und mancher Schrecken tut sich auf und ich denke: so schlimm ist das? Glücklicherweise gibt es einen guten Geist, der dann sagt: he, Geschwätz, fühl' mal bei dir selbst! Und dann geht's wieder.

Aber ich bin verletzbarer geworden. Wahrscheinlich ist das so, wenn man sucht.

In letzter Zeit merke ich, dass ich mir selbst verloren gehe, wenn ich immer fremde Erwartungen erfülle. Draufzahle, wenn ich mich immer nur nach außen orientiere. Ich fühle mich wund. Früher war das mal einfacher: das Gegenteil meiner Mutter zu sein war mein roter Faden.

Und nun? Ich habe das Gefühl, ich müsse mich selbst neu erfinden. Ich will meine innere Ruhe wiederhaben! Na ja, inzwischen habe ich eine Vorstellung davon, wie es sein kann, wirklich völlig ich selbst zu sein. Land in Sicht, sozusagen. Aber dieser Weg hat seine Hochs und Tiefs und manchmal verzweifle ich.

Meistens kommen die Schläge unerwartet. "Du vergisst doch sowieso sofort wieder alles, was ich sage!" heißt in meinen Ohren: "Du liebst mich nicht genug!". Das ist ein Beispiel aus meiner Beziehung, so vor zwei Wochen. Nur ein Beispiel, aber symptomatisch. Nicht genug Liebe gegeben zu haben, dieses Gefühl trifft mich auch woanders. Meine Kinder, meine Eltern, die ganze Familie drumherum, meine Freunde.

Und dann: nicht geliebt zu werden. Renne ich dauernd hinter der Liebe her? Ein Urmuster bei mir, von frühester Kindheit an: Du hast einen Fehler gemacht, jetzt haben wir dich nicht mehr lieb. (Mein Vater, meine Mutter!) Ich merke, dass das in meinem tiefsten Innern festsitzt: einen Fehler eingestehen heißt, den Verlust der Liebe zu riskieren. Und wie überlebenswichtig war die Liebe meiner Eltern für mich als Kind - genau wie für jedes Kind, auch für meine Kinder.

Also welches Verhältnis habe ich zu meinen Fehlern? Ich kann sie mir nicht verzeihen. Weil ich als kleines Kind gelernt habe, dass sie meine Existenz bedrohen. Das muss ich mir abtrainieren. Kritikfähig werden. Annerkennen, dass ich geliebt werde auch da, wo ich nicht alles richtig mache. MICH SELBST LIEBEN, AUCH DA, WO ICH MIST MACHE! Nur dann kann ich Fehler eingestehen, mir selbst und den andern.

Und da steht es wieder: dieses "muss". Gelassenheit geht da flöten, wo das "müssen" anfängt. Misstrauisch werden gegenüber den eigenen Erwartungen und denen, die die Umweilt SCHEINBAR an mich hat. Die Projektionen entlarven.

Jetzt geht es mir besser.

Kommentare:

der Gauzibauz hat gesagt…

Und noch Einen,

das hört sich intensiv an: Ich fühle mich wund.

Wenn du deine Fehler akzeptieren lernen willst,das ist ein STEINIGER Weg.
Dass ich heute soweit bin verdanke ich
einem Familienstellen nach Bert Hellinger.
Ich konnte kein Foto von mir anschauen,irgendwie erkannte ich mich darauf nicht.Auch meine Korpulenz
macht mir nur dahingehend was aus,
dass ich mich nicht so bewegen kann.
Vielleicht ist es auch das Alter,die
Milde die sich da einstellt,meine ich.
Aber sicher ist, die 4 Jahre Psychtherapie die ich machte,hat viel
bewirkt.
Schattenarbeit nennen das die Esoteriker. Wünsch dir jedenfalls viel Erfolg dabei.
Grüsse

kvinna hat gesagt…

Ich erwähnte an anderer Stelle, dass ich fünf Jahre Gesprächstherapie hinter mir habe. Ich bin versucht, zu sagen, willkommen im Club. Aber ist das nicht so, dass ein GESUNDES Selbstgefühl der Schlüssel für vieles ist? Nur wer sich selbst liebt - liebhat, akzeptiert - kann seiner Umwelt sauber begegnen.

Ich versuche immer, meinen Kindern das mitzugeben. Und merke, wie alte Muster greifen. Wenn ich das, was ich in meiner Kindheit erlebt habe, unreflektiert weitergebe, gebe ich Trauma weiter an diejenigen, die der Ursache für dieses Trauma nie begegnet sind.

Und Trauma, das verpasst man Kindern leichter als gedacht. Wie du sagst, Worte sind Magie. Die tägliche Hypnose: "Du fällst da runter!" statt "Halt' dich gut fest!"