Donnerstag, Dezember 14, 2006

Begraben

Vorgestern war ich an der Tankstelle. Bei meinen Eltern und meinem Bruder. Eine Anfahrt von ca. 17 km, über die Autobahn.

Auf dem Weg dorthin habe ich gedacht:"Nein, ich werde mich nicht aufregen. Ich werde mich verhalten wie ein Seegrashalm in der Strömung: Keinen Widerstand bieten, fließen lassen und achtgeben, wie sich das anfühlt! Und ich werde sie alle sein-lassen, so, wie sie sind."

Dorthin zu kommen, ist immer eine Berührung mit der Vergangenheit. Aufgewachsen bin ich im Ort in der Nähe, meine Eltern sind dann erst in das zur Tankstelle gehörende Haus gezogen, als ich schon verheiratet war. Und auch die Tankstelle selbst wurde abgerissen und total neu aufgebaut.

Deshalb fühlt sich wohl alles so abgemildert an: die äußeren Merkmale sind alle verschwunden, da sind nur noch die Menschen.

Was soll ich sagen? Mein Bruder machte die Winterreifen an meinen Bus, mein Vater fuhr den Wagen durch die Waschanlage und tankte ihn voll. Ohne dass ich darum gebeten hatte und trotzdem ohne Vorwürfe. "Danke, Papa!" und alles war sauber zwischen uns. Beobachtete die Spielchen zwischen meinen Eltern und hielt meinen Mund.

Verabschiedete mich herzlich und ohne Groll.

Von der Tankstelle aus kann man den Gutshof sehen, auf dem mein Vater aufgewachsen ist. Meine Oma und mein Opa lebten dort bis zu ihrem Tod.

Manchmal fahre ich dort hin und lasse meine Kindheit auf mich einstürmen. Dort hatte ich Wildnis und Heimeligkeit beieinander. Der Kohlenofen im Wohnzimmer. Meine Oma, die Fliegen mit der Hand aus der Luft fing. Der Geschmack roher Erbsen, vom Strauch geklaut. Kirschen. Wie die Anger gerochen hat. Heute steht das kleine Häuschen leer und der Garten, Lebensinhalt meiner Oma, verwildert.

Ganz seltsam anders die Begegnung mit meinem Herkunftsdorf, durch das ich auch manchmal gondele, wenn ich von der Tankstelle aus wieder nach Hause fahre.

Diesmal habe ich angehalten. Am Friedhof. Dort liegen die Eltern meiner Mutter begraben. Normalerweise gehe ich nur zu Beerdigungen auf den Friedhof.

Auf diesem hier war ich lange, lange nicht.

Ein Schmetterling schaukelte an mir vorbei nachdem ich die Pforte passiert hatte. Ein Admiral. Meine Tante, die sich umgebracht hat, ist im Winter begraben worden. Auch damals ist mir unwahrscheinlicherweise ein Schmetterling begegnet. Ein Tagpfauenauge.

Mir geht gerade auf, dass das ja eigentlich ein militärischer Dienstgrad ist, Admiral. Die Mutter meiner Mutter, die sich von mir nicht "Oma" nennen ließ, wurde gehässig als "Generalin" bezeichnet. "Admiral" und "Kadett" hießen damals die Autos in der Werkstatt von "Opa Boss". Der Vater meiner Mutter. Aber da war ich noch sehr klein.

Der Friedhof ist nicht so groß. Ich fand "meine" Toten alle recht schnell. Ein Freund, der sich mit neunzehn Jahren totgefahren hat. Ein Nachbar. Na ja, die Vergangenheit eben. Damals war das Dorf noch ein Dorf im Wortsinn.

Doch der erste Weg führte mich zu meiner Oma. "Mutter Elli", so wurde sie von uns genannt. Von allen. Auch von ihren Enkeln.

Gepflegtes Grab. Sehr sauber. Ich hockte mich auf eine Steinplatte mitten auf das Grab und hatte die ganze Zeit das Gefühl, die dunkle Erde wallt hoch und umfängt mich gleich. Als wollte meine Oma mir dringend was sagen.

Aber ich hielt mich im "Hier" und "Jetzt" fest, nahm das leere Schneckenhaus mit, das dort lag (die sammle ich) und ging. Ich habe ihr etwas verweigert und weiß nicht, ob das mein Recht war. Es fühlt sich komisch an.

Letzte Nacht habe ich dann ein Kraut geträumt, ich schüttel' noch immer den Kopf. Ich krieg' nicht auseinander, was da gelaufen ist.

Gegenwart und Vergangenheit haben sich miteinander vermischt, alles war ganz anders und doch genauso.

Wie gesagt, ein krautiger Traum.

Weil sowas von sowas kommt?

Kommentare:

Sam hat gesagt…

Vom Grabsitzen?

Was ich so mitbekomme: Vielleicht bist Du die ja die Einzige in Eurer Familie, die stark genug ist, nicht nach der Pfeife der Ahnengeister zu tanzen, die deren Unerlöstes nicht brav weiterschleppt, sich nicht davon besetzen lässt. Das scheint ja im Rest Deiner Herkunftsfamilie eine dominante Geschichte zu sein mit den schweren Schicksalen.

Und -das ist jetzt gewagt und geht mich eigentlich nichts an: vielleicht sollte Deine Mutter sich mal aufs Grab dieser Oma setzen?

Ich hab Deinen Post mehrmals gelesen, der hat eine Kraft, mir liefert er soviel Bilder wie nur grad was

Grüsse,
Sam

kvinna hat gesagt…

Nein, Sam, so gewagt ist das gar nicht mit meiner Mutter.

In einer fünfjährigen Gesprächstherapie habe ich genau die Bilder entwickelt, die du hier schilderst:

Das ich die erste und bisher einzige bin, die eine lange Kette abreißt. Und dass meine Mutter sich endlich von ihrer Mutter befreien muss.

Nur: setzte sie sich auf dies Grab, sie stünde nie wieder auf. Sie ist zu schwach. Und ich habe gelernt, sie schwach sein zu lassen. Begriffen, dass ich das akzeptieren muss. Sie würde zerbrechen, wenn ich mehr von ihr verlangte. Dazu habe ich kein Recht.

Das ist die Lektion vom Loslassen, die ich gelernt habe. Und ich wälze mich nicht in diesem Schmerz. Ich lasse ihn einfach - sein.