Montag, Dezember 04, 2006

Besitz

Als ich ungefähr 13 war, hat mein Opa mütterlicherseits mir an meine grade so ein kleines bisschen sprießenden Brüste gefasst und auch zwischen die Beine. Das sollte unser Geheimnis sein, "das braucht keiner zu wissen!". Zwei Wochen habe ich mich damit gequält, bis ich es meiner Mutter erzählt habe.

Was ich erntete, waren Vorwürfe von allen Seiten und das schwarze Gefühl, am daraus sich verschärfenden Familienstreit - mein Vater und die Schwester meiner Mutter haben sich nie gut verstanden und danach überhaupt nie mehr miteinander geredet - schuld zu sein.

Was meine Mutter mir vorwarf, war, dass ich ihr das nicht viel früher anvertraut hatte, "stell' dir mal vor, was noch alles hätte passieren können!" Niemand hat mich damals nach meinen Gefühlen gefragt. Niemand hat mich mal in den Arm genommen oder sonstwie getröstet.

Heute habe ich für mich damit abgeschlossen, ich kann wirklich sagen, dass ich keinen schlimmeren Schaden davongetragen habe als die bittere Empfindung, dass damals alle Erwachsenen nur an ihre eigenen Gefühle gedacht haben.

Mein Vater, der bis heute nicht in der Lage ist, Dinge, die ihm nahegehen angemessen zu behandeln und zu äußern, hat mir gegenüber damals nur immer wieder sehr plastisch beschrieben, was er mit dem Opa am liebsten machen würde. Seine persönliche Wut sollte mir illustrieren, wie sehr ER leidet unter dem, was mir widerfahren ist - um damit von hinten durch die Brust ins Auge seine Liebe zu seiner Tochter zu verdeutlichen.

Daran muss ich in letzter Zeit sehr oft denken, wenn über Stefanie oder Natascha berichtet wird. Vor allem in Stefanies Fall tut sich der Vater sehr hervor. Tritt als Nebenkläger auf. Von der Mutter keine Spur in dem Rummel. Woher kommt nur dieses eklige Gefühl bei mir, dass es um männliche Besitzansprüche geht?

Kommentare:

der Gauzibauz hat gesagt…

Hallo Kvinna,
"ich kann wirklich sagen,dass ich keinen
schlimmeren Schaden davongetragen habe"

Da hast du`s doch! Vom Zwischendiebeine-
fassen stirbt keine/r.Die Schuldgefühle sind es, die diesen verheerenden Schaden
anrichten.Und das Alleingelassen sein
weil die Erwachsenen mit ihrer Moral beschäftigt sind.
Manche Kinder machen die Katastrophe
ganz mit sich allein aus,weil sie wissen,dass die Mutter es doch nicht glauben würde, oder noch schlimmer,
dem Kind die Schuld geben.
Was das anrichtet kann kaum jemand der nicht betroffen ist nachvollziehen.
Frauen können besser,so meine ich,damit umgehen und drüber reden.
Aber die betroffenen Männer haben es
sehr schwer,oft bis ins Greisenalter.
Mag man kaum glauben, gell?
Grüsse

der Gauzibauz hat gesagt…

Und nochwas.Ja, es geht um ganz profane männliche Besitzansprüche.Widerlich!!
Und Mütter fragen als erstes:Hast du deine Periode gekriegt? Dann erleichtertes Aufatmen.Als ob das Alles wäre.

Corriendo Mundo hat gesagt…

Hallo, Kvinna!

Häßliche Geschichte, zweifelsohne. Und jeden Tag überall auf der Welt sich wiederholend, ungezählt.

Und dennoch las ich etwas anderes in deinem Blog, und zwar: Deine Eltern haben offensichtlich zu Dir gestanden.
In der Form, wie es ihnen selbst aufgrund ihrer eigenen Geschichten möglich war.
Besser, mehr, anders ging es vermutlich einfach nicht und das, was die getan haben, war ihr Bestes. Das ist oft nicht leicht einzusehen, aber es ist in jedem Falle heilsamer und fördert Vergebung. Nobody is perfect - wir auch nicht.

"Mein Vater, der bis heute nicht in der Lage ist, Dinge, die ihm nahegehen angemessen zu behandeln und zu äußern..."
Ich bin zwar eine Frau, aber habe keine Ahnung, was DAS sein soll - Dinge, die mir nahegehen, "angemessen behandeln". Angemessen für wen? Für Dich? So angemessen, daß es in dein Bild paßt? Recht hartes Urteil gegenüber einem Mann, der zumindest versucht hat, dir zu sagen, wie sehr er mit dir mitfühlt und leidet. Kennst du seine Geschichte? Die Geschichte deiner Mutter? Ihre Geheimnisse und die Dinge, die ihnen zutiefst peinlich sind im Leben und/ oder ihre tiefsten Narben?
Was hätten sie tatsächlich tun können, damit es dich zufriedengestellt hätte und deines Erachtens nach "angemessen" gewesen wäre?
Nur ein paar Fragen, die die Dinge erhellen können... Sehr empfehlenswert für die Erforschung von solchen Erwartungshaltungen an andere Menschen sind die vier Fragen mit den dazugehörigen Umkehrungen ("Ist es wirklich wahr, daß xy das und das tun sollte...") von Byron Katie, ich verlinke das mal auf meinem Blog am Rand (falls du die noch nicht kennen solltest).

Ich kann mir übrigens im Fall von Natascha sehr gut vorstellen, daß einer Mutter nach so vielen Jahren die eigene Tochter ungeheuer fremd ist. Einfach eine Fremde.... und die ganze Welt erwartet wieder einmal diese allseits ver-herr-lichte Mutterliebe von der Frau. Und natürlich auch einiges von der Tochter.

An Gauzibauz: Ich würde meine Tochter auch dringendst fragen, ob sie ihre Periode bekommen hat und sehr erleichtert aufatmen, wenn ich erfahre, daß sie nicht von meinem eigenen Vater geschwängert wurde!

Solche Situationen und Geschichten sind nun einmal nicht leicht zu meistern. Urteilen ist sehr leicht.

Grüße von Labbatú und dem Raben, die Vergangenheit vorbei sein lassend, jetzt.

kvinna hat gesagt…

Natürlich ist das nicht leicht zu meistern, für keinen der Betroffenen. Keiner, der das nicht erlebt hat, hat das Recht, sich ein Urteil zu bilden. Ich verurteile meine Eltern nicht.

Und inzwischen habe ich gelernt, meine Eltern zu akzeptieren, wie sie sind. Ich verstehe, warum sie so sind, wie sie sind und vieles nicht anders können.

Aber da ist immer noch der Schmerz des kleinen Mädchens - das ich war! -, das von dieser PEIN-lichkeit betroffen wurde und auch noch Schuldgefühle obendrauf gepackt bekam. Es hat sich sehr kalt angefühlt.

Die Frage nach der Periode ist verständlich. Aber grausig, wenn nicht mehr kommt.

Speziell mein Vater hat mir lange Jahre immer wieder feste wehgetan mit seiner Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen und sie anders als ruppig oder sogar gemein zu artikulieren, egal, wie liebevoll die Worte eigentlich gemeint waren. Je älter und fraulicher ich wurde, desto schlimmer war das.

Inzwischen habe ich akzeptiert, dass der Grad seiner Wärme sich vor allem an der Höhe des Betrages messen lässt, den er mir verschämt in die Tasche steckt.

Heute liebe ich meine Eltern so, wie sie sind. Aber da zuckt was in mir, wenn Väter in den Medien auftauchen, deren Töchter missbraucht wurden.

Ja, und das mit der Mutterliebe - ich denke, die ist nicht halb so romantisch, wie sie gern gezeigt wird. Ist das eigentlich Adolf schuld? Hat der nicht den Muttertag eingeführt? Mutterkreuz? War das nicht auch sowas?

Lieben und annehmen, das ist nicht angeboren. Daran glaube ich nicht. Mutter sein funktioniert ganz anders.

Als mir mein Post heute noch mal so durch den Kopf ging, fiel mir was anderes ein, was auch noch nicht lange her ist. Meiner Schwägerin zuliebe hatte ich im letzten Jahr mit ihr einen Selbtverteidigungskurs für Frauen besucht. Der Trainer dort war ganz nett und all' das, aber die Motivation, die er uns unterstellte, diesen Kurs zu besuchen, fand ich haarsträubend: nicht schwanger werden und kein Aids bekommen wollen von irgend so einem dahergelaufenen Vergewaltiger - der Familie erhalten bleiben und nicht im Dunkeln ermordet werden wollen! Pah!

WENN ICH DAS NICHT WILL, DANN HAT KEIN MANN MICH ANZUPACKEN! Darum geht es: Würde und Respekt!

kvinna hat gesagt…

Ach, und noch was: Was mir widerfahren ist, halte ich auch nicht für einzigartig. Mir graut viel mehr davor, wie oft es wirklich passiert.

Stephanie hat gesagt…

So ein Rabe ist doch ein sehr kluger Vogel und das ist wirklich seine Meinung: schau doch erst mal, wie es den anderen damit geht. Was weißt du denn von deren Ängsten, Nöten und Narben, was erwartest du von den anderen und wieso überhaupt?

Als ob das wichtig wäre. Von Belang ist, dass endlich aus den Geschichten gelernt, dass der Schmerz der verlassenen Kinder geheilt wird.
Willst du wirklich den Betroffenen (Kindern) sagen: du bist nicht die erste und du wirst nicht die letzte sein und deine Peiniger waren auch mal betroffenen Kinder?
Na dann weiterhin frohes Wegsehen.

Es wird einfach nur Zeit, dass der Kreis durchbrochen wird. Das muss natürlich jede für sich selbst machen. Aber es wird auch Zeit, dass gesagt wird: Dir ist Unrecht geschehen und ich werde dafür sorgen das es nicht wieder geschieht.
Ach ja und Trost und darüber sprechen, kann auch nicht schaden. Auch später noch, wenn es „vergangen“ ist.
Liebe Kvinna, du wirst mit deiner Tochter, deinen Kindern sicher anders umgehen, als deine Mutter mit dir.
Labbatu schrieb, sie tat ihr Bestes. aber woher wissen wir, dass es wirklich ihr Bestes war.
Wir sind alle Kinder unserer Zeit, auch wir erfahren eines Tages, dass uns manche Einsicht gefehlt hat. Entscheidend ist wie bewusst wir jetzt mit den Realitäten umgehen.
Und manchmal ist es einfach nur dringend und endlich mal dran, dass wir das Kind in uns trösten und heilen.
Gruß Stephanie

kvinna hat gesagt…

Das kleine Mädchen wollte Trost und Verständnis und hat beides nicht bekommen.

Die erwachsene Frau kann erkennen, warum das so war.

Was nützt das dem kleinen Mädchen? Zwischen den beiden liegen über 20 Jahre.

Und die erwachsene Frau ist weit entfernt von jeglichem "Appeasement" ( engl. "to appease" = beruhigen; beschwichtigen; stillen; mildern; beilegen). Verstehen heißt nicht verzeihen.

Richtig, die Scham und die Schuldgefühle waren das Schlimmste.

Durchbrechen? Stefanie, die Mutter der Prinzessin ist 82 Jahre alt. Und heute graut es ihr noch manchmal nachts, weil ihr Stiefvater sie als Kind missbraucht hat. Ihre Cousine offenbarte ihr als erwachsene Frau, dass auch sie als kleines Mädchen von ihrem Vater vergewaltigt wurde. In meiner Schulzeit habe ich mindestens drei Mädchen kennengelernt, die sich irgendwann auf eine Weise in ihrer Persönlichkeit veränderten, dass ich aus heutiger Sicht sicher bin, dass sie missbraucht wurden. Bei meiner Mutter und ihrer Schwester vermute ich Ähnliches. Die Schwester hat sich umgebracht, meine Mutter... na ja, das schrieb ich schon an anderer Stelle.

Ich glaube, es ist überall. Und es ist uralt.

Stephanie hat gesagt…

Liebe Kvinna,
Ich weiß, dass sich so ein Trauma nicht von selbst in Luft auflöst.
Deshalb schrieb ich auch von Heilung, die kann einiges Bewirken. Bei schweren Verletzungen können wir uns nicht darauf verlassen, dass der Körper sich allein heilt. Wir versorgen die Wunde, betreuen den Kranken, schaffen ein förderliches Umfeld. Heil werden bedeutet auch nicht, dass nicht Spuren, Narben zurück bleiben können. Das ist aber kein Grund, es gleich sein zu lassen.
Und Trost spenden bedeutet nicht: „Heile, heile Gänschen…“, sondern aktive Auseinandersetzung, Frauensolidarität, die Wut herauslassen dürfen, die Dinge beim Namen nennen.
Mag es sich auch für manche merkwürdig anhören, aber was wir in der Gegenwart tun, wirkt in die Zukunft und in die Vergangenheit.
Wenn das Kind von einst versteht, werden die Weichen in der Gegenwart für die Zukunft gestellt.
Wer fordert denn Verzeihen?
Mag es sein, dass immer wieder der patriarchale Kleister der geforderten Vergebung, uns am genauen Hinsehen hindern soll.
Wir wissen, dass nicht gut zu machendes Unrecht immer noch Tag für Tag überall geschieht und es muss benannt werden. Irgendwo beginnt der Wandel, also warum nicht hier?
Jede Tochter, die von den, sie umgebenen Müttern beschützt wird, durchbricht diesen Kreis. Mütter dürfen nicht aufhören wachsam zu sein.
Gruß Stephanie

Corriendo Mundo hat gesagt…

So ein Schmarrn von wegen "Mag es sein, dass immer wieder der patriarchale Kleister der geforderten Vergebung, uns am genauen Hinsehen hindern soll."!
Jetzt wird Vergebung schon als patriarchaler Kleister bezeichnet.
Polarisieren hilft also, oder wie?

Zu folgender absurder Auslegung Auslegung, die dem Raben fälscherlicherweise in den Schnabel gelegt werden soll (..."So ein Rabe ist doch ein sehr kluger Vogel und das ist wirklich seine Meinung: schau doch erst mal, wie es den anderen damit geht. Was weißt du denn von deren Ängsten, Nöten und Narben, was erwartest du von den anderen und wieso überhaupt?"...) Folgendes:

Totaler Quatsch!!!

Worum es (mir) geht ist, daß wir alle inzwischen erwachsen und damit selbst verantwortlich für unser Leben sind. ALLE alten Geschichten sind vorbei und können natürlich zwecks Weiterentwicklung nochmals und wiederholt beleuchtet und/oder betrauert werden. Und dann ein für alle Male VERABSCHIEDET.
Indem wir anderen nach so langer Zeit immer noch Schuld zuweisen, geben wir unsere Macht ab - genau an die Menschen, die wir verurteilen - statt uns um unser jetziges Wohlergehen zu kümmern. Wie Essen, das immer wieder aufgewärmt wird - Nährwert null und nicht einmal mehr Geschmack.

Im Übrigen empfehle ich auch für solche Grundhaltungen wie "Das Patriarchat und die Männer sind schuld, daß es mir heute so schlecht ergeht und die Welt in einem miserablen Zustand ist" etc.pp. wärmstens die vier Fragen von The Work, die zu mehr Ehrlichkeit und Einsicht führen können.
Auch und manchmal gerade an den häßlichen Ereignissen im Leben wachsen wir. Das bedeutet keinesfalls, daß ich irgendjemand solcherlei wünsche. Bitte nicht wieder verdrehen.

Ich wäre wirklich schön blöd und LIEBLOS ZU MIR SELBST, wenn ich heute immer noch den Männern, die mir einst Gewalt antaten, Macht geben würde, indem ich weiter leide und die alten Geschichten nicht loslasse - obwohl ich mich inzwischen schon -zigmal gehäutet habe.

Gut, daß wir uns aufrichtig und sehr lieben, Labbatú und Rabe, seinen Schnabel salbend

Stephanie hat gesagt…

Liebe Labbatu
Ich habe schon sehr gut verstanden, worum es dir geht, schließlich lese ich bei dir ja nicht zum ersten Mal.
Ich besitze aber trotzdem eine andere Sicht die Dinge und ich gehe einen anderen Weg und natürlich empfehle diesen auch gern weiter.

Sicher, wir sind erwachsen!
Aber nicht alle sind es und da gilt es genau hin zu sehen!

Es ist gut, dass du die Kurve gekriegt hast und dein Leiden losgelassen hast. Das ist jeder Betroffenen zu wünschen und jede hat ihr Tempo, ihren Weg und manche sucht Hilfe und eine andere nicht.

Ich kenne sie alle, die Sprüche von Einsicht und Ehrlichkeit und Verzeihen und Vergeben!
Ich habe sie mit meinen eigenen Erfahrungen und meinem Wissen abgeglichen und auch das kann ich nur empfehlen: selber fühlen, selber denken, selber handeln.
Schön Grüße an den Raben, als ich auf Rügen war hatte ich eine berührende Begegnung mit einem Kameraden von ihm.

Ich wünsche allen eine weihevolle Zeit und schaudervolle, erkenntnisreiche Raunächte

beste Güsse in Liebe Stephanie

kvinna hat gesagt…

Räusper!

Die Missbrauchsgeschichten in den Medien hatten mich dazu getrieben, diese alte, sauber abgeheilte Geschichte auf den Tisch zu packen.

Weil, wie gesagt, immer die Männer hörbar werden, wenn ein Missbrauch ruchbar wird.

Ich wollte mir über dieses Gefühl klar werden, es ginge um die Ansprüche der Männer. Ob mein Eindruck mich täuscht? Ob andere das vielleicht auch so sehen, warum man eigentlich nie Frauen zu dem Thema hört. Mütter, die für ihre Töchter eintreten. Oder ist das ein gänzlich subjektiver Eindruck von mir?

Das frage ich mich ehrlich.

Sam hat gesagt…

Ja, ich habe den Eindruck auch. Zwar hört man Frauen in der Rolle der Psychologin oder sonstigen Anwaltschaft fürs Kind, aber kaum je die Mutter eines missbrauchten Kindes- ausser vor Gericht, in Scheidungsschlachten, als Scheidungsgrund.

Ich glaube, das Schuldgefühl des Weggesehenhabens spielt eine grosse Rolle und die Tatsache, mit einem Partner zusammenzusein der so etwas macht. Es ist eine Frage des Sippengewissens. Es ist einfach eine so unglaubliche Instinktschwäche, dass eine Mutter nicht gesehen haben soll was mit ihrem Kind passiert, dass man es auch der zugerichtetsten Frau nicht zutraut.
Sie schämen sich, die Mütter. Ja, da denken sie an ihre Gefühle - und die Scham kleistert ihnen alles zu, was die Furie bereinigen könnte. Das Kind liebt die Mutter genug, um auch diese Scham von ihr zu übernehmen.

Ich bin der Meinung, dass jeder Missbrauch eine deligierte Geschichte ist - die Mutter liefert ihr Kind aus an ihrer Statt. Die Kinder sind die Schwächsten im Verband und kriegen solange das Verdrängte ihrer Eltern ab bis sie eigenständig sind. Manchmal werden sie sogar aus diesem Grund gezeugt,
auch wenn da keine bewusste Absicht dahintersteht.

Ich musste an die Mutter denken, die ihren misshandelten Säugling hinter einen Autoreifen legte. Mein erster Gedanke war: Ihren eigenen Untergang erträgt sie nicht, also muss der Nächstschwächere dafür herhalten.

Ich finde es auch bezeichnend, dass sexuell missbrauchte Kinder sich nach der Befreiung von der Scham von der Mutter abwenden als Schritt in die Freiheit.

kvinna hat gesagt…

Na ja, Natascha und Stefanie sind nun nicht von ihren Vätern missbraucht worden.

Aber dass Kinder, denen so etwas geschieht - ob nun innerhalb der engsten Familie oder mit dem "netten Onkel" aus der Nachbarschaft (fremde Männer und Frauen als Onkel und Tanten zu bezeichnen ist auch so ein Scheiß!) - von ihren Eltern und ganz speziell von ihren Müttern nichts in die Hand gelegt bekommen, das sie dazu befähigt, sich zu behaupten, davon bin ich überzeugt.

Und darin liegt in manchen Fällen natürlich auch eine Schuld: ein braves (Opfer-)Lämmchen herangezogen zu haben. Mag sein, dass man auch deshalb die Mütter nicht hört. Mit Schuldgefühlen ist Frau ja immer schnell zur Hand. Männer reagieren anders.

Sam hat gesagt…

Ja, da stimme ich Dir zu, v.a. das mit den Lämmchen. Was Mütter sich für ihre Kinder (Töchter) wünschen und was sie ihnen raten ist oft recht verschieden dazu wie sie sich selbst verhalten und was sie selbst leben.
Die Kinder werden schon in einer Welt gross in der Empfinden und Realität nicht zusammenpassen, sie stehen nicht auf festem Boden.

Das mit den (speziell weiblichen) Schuldgefühlen hat mich schon ein mal beschäftigt. Ich habe festgestellt, dass sie sogar regelrecht erwartet werden, wenn man sich "falsch verhalten" hat. Wenn nicht, wird dem mit so Spielchen wie nicht mehr reden mit jemand, demonstrativ beleidigt sein etc. nachgeholfen. Funktioniert oft bei Frauen - und meines Wissens wenden nur Frauen sowas untereinander (und bei Kindern!!!) an, der gute alte "Liebesentzug". Anscheinend das beste Druckmittel und die beste Drohung Frauen gegenüber.
Männer oder unabhängige Frauen sind dagegen eher immun.

Wie kommts?
Schuldgefühl ist eine soziale Regung, im persönlichen gibts nur die Reue. Das sind zwei paaar Stiefel. Die Reue ist innerlich und reinigend (wenn man sie durchsteht, ohne sich von Schuldgefühlen ablenken zu lassen :), das Schuldgefühl ist von aussen verursacht, eine Resonanz auf das, was das Umfeld als Schuld oder Regelverstoss hinstellt. Die treibende Kraft dahinter ist die Angst, aus dem Schutz der Herde und dem sozialen Wohlwollen verstossen zu werden.
Also von vorn bis hinten re-aktiv.

Kannst Dich an die Lenor Reklame erinnern, wo die Frau aus sich raustrittt weil die Handtücher so kratzig waren ("siehst Du, jetzt hast Du ein schlechtes Gewissen!") - die war so schön, so unfreiwillig entlarvend.
Also, ich will sagen: Wenn eine ein Schuldgefühl hat, sollte sie dieses ruhig mal in sozialem Licht betrachten.

kvinna hat gesagt…

Handtücher mit Weichspüler waschen! Das ist ja auch noch so ein Unsinn... doch, ich erinnere mich an diese Werbung.

Weibliche Schuldgefühle - ich sag' nur: Hühnerhof! Wobei ich die Hühner nicht beleidigen möchte...meine Lehrjahre bei der Sparkasse waren da eine gute Schule! Teilweise abstrus, was Frauen miteinander machen, ehrlich! Reue ist etwas, das man akzeptieren kann, das mit Einsicht verbunden ist.

Schuldgefühle sind oft irrationial, nicht wirklich greifbar. Ja, wirklich, an Männern prallt das ab. Richtig unabhängige Frauen, die von diesem Laster nicht befallen sind? Kenn' ich die? Oh weh!

Corriendo Mundo hat gesagt…

PS von Labbatú: Auch die Männer haben offensichtliche Erwartungen an mich als Frau, wie ich zu reagieren habe. Tue ich das nicht, werde ich oftmals mit den bekannten Totschlägern versorgt, die ich ja schon öfter gebloggt habe und die da u.a. lauten "Ach, was sind sie denn so unfreundlich!"/"Mein Gott, was bist du zickig" und erfreulicherweise hatte ich in letzter Zeit nicht allzu viele im Taxi davon, denn mir fallen gerade nicht mehr ein! Im Moment reagieren die meisten Leute nur noch mit schweigender Irritation, wenn ich mich nicht erwartungsgemäß verhalte, es tut sich was - bei mir selbst, und das gibt wortlose Botschaften an die bedingungslose dominanzfordernden Totschläger und die sich fügenden, ewig leidenden und anklagenden Opferdamen.
Fruchtbaren Regen wünschen wir L&EC

Sam hat gesagt…

Steh ich neulich in einer Arbeitspause in einem Bettengeschäft mit ner Decke unterm Arm vor der Kasse und esse meine Leberkässemmel, während der einzige Verkäufer grad lang und breit einer Kundin erklärt, wie eine Matratze funktioniert.
Als ich dann irgendwann zahlen darf, blickt er mich vorwurfsvoll an und sagt: Eben hab ich hier gesaugt und Sie bröseln mir wieder alles voll mit Ihrer Semmel!

Ich wette, bei einem Mann hätte er sonen Spruch nicht gebracht.

kvinna hat gesagt…

Nein, hätte er nicht! Was aber auch beredtes Zeugnis gibt davon, wie Männer MITEINANDER umgehen, oder?

Hm. Das kann frau so sehen oder so...