Dienstag, Januar 02, 2007

Alsdann...

...auf in ein neues Kalenderjahr! Möge es allen ein Gutes werden!

Für mich beginnt es mit einer Mutter im Krankenhaus, einem Bruder mit Heiratsplänen und einem Vater, der bald keine Zähne mehr im Mund, dafür aber den Kopf voller ausgefallener wohnstattlicher Veränderungen hat.

Während mein armer Mann wieder in die böse Welt hinaus muss, um unser täglich Brot zu erstreiten, sind die Kinder und ich ein wenig aus der Welt gefallen: der zeitliche Rahmen fehlt, wir trödeln in den Tag hinein.

Es regnet und ist draußen auch nicht sonderlich verlockend, dafür ist drinnen umso mehr zu tun: Ballast abwerfen ist angesagt. Altes betrachten und Entscheidungen fällen, Neuem seinen Platz geben.

Eine Arbeit für mehrere Wochen.

Was die Gedankenwelt betrifft, so geht es dort ganz ähnlich zu: Wie ein Kind sitze ich auf dem Speicher der Erinnerungen und blase Staub weg, zerreiße Spinnweben, räume Platz ein für Dinge, die lange aus dem Weg geräumt waren.

Gerüche vor allem tauchen auf, Farben und Geräusche. Der große alte Kombi, in dessen Kofferaum der Opa uns Enkelkinder zum Rheindeich fuhr, Kartoffelfeuer begleitet vom rythmischen Dröhnen der Schiffsmotoren auf dem Fluß mit dem unvergessenen Aroma.

Der Geruch von rostendem Metall hinter der Autowerkstatt, die früher eine Schmiede war, in der mein Opa produzierte statt nur zu reparieren. "Der Türke", der dort mitarbeitete und immer ein Lächeln und ein bisschen Zeit für uns Kinder hatte. Der Geruch von Spachtel und Autolack und die bunten Muster daraus im Torbogen. Opas Hüte.

Der Zwiebeln-Speck-und-Bohnenduft in der Küche, meine Oma in der Kittelschürze. Der Grusel vor dem feuchten Erdkeller und dem dunklen Schweinestall. Der Amethystring meiner Oma, die Eckbank, in der man sich verstecken konnte.

Oder der andere Platz: der Opa mit "Brisk" im Haar, dessen Geruch nun untrennbar mit meiner Erinnerung an ihn verbunden ist und der die gleiche Nase hatte wie mein Vater und ich sie im Gesicht tragen.

Die Oma, die bis ins hohe Alter dunkle Haare hatte und die gleiche weiße Strähne im Haar wie ich. Die Jule, Omas schwarzer Pudel. Mein eigenes kleines Gemüsebeet, auf dem ich die grünen Spitzen der keimenden Samen nie erwarten konnte. Gras-Klee-Kapuzinerkresse-Suppe in der Regentonne.

Abenteuerliche Begegnungen mit Ratten hinterm Hühnerstall und immer wieder mal ein aus dem Nest gefallenes Vogelküken oder eine Brieftaube auf der Durchreise, die aufgepäppelt werden mussten.

Die gigantische Pappel auf dem Hof, die tatsächlich noch immer steht und solche riesigen Mengen Laub um sich aufhäufte, dass wir Kinder uns daraus Gebirge schufen oder Gänge hindurchgruben.

Fahrradfahren lernen, schwimmen lernen, Grillhähnchen und Zitronenkuchen. Haufenweise tote Fliegen in Omas Blumentöpfen. Opas Ohrensessel, tatsächlich.

Die Brokatverkleidung am Telefon auf dem Sekretär, den ich jetzt habe.

Je länger ich meine Gedanken um all' das kreisen lasse, desto mehr kommt zum Vorschein, sprudelt sozusagen an die Oberfläche.

Das gefällt mir. Da ist noch was zu erledigen, noch eine Arbeit zu tun und ich habe keine Angst davor. Ich weiß, dass das gut ist so.

Kommentare:

der Gauzibauz hat gesagt…

Hallo Kvinna,
dir auch ein gutes Neues Jahr!

Ursel hat gesagt…

Hallo, liebe Kvinna !

Endlich komm' ich Dich mal "bei Dir" besuchen :)
Ein gutes, wunder-volles Jahr wünsche ich Dir !!
Das mit dem "Altes betrachten" gefällt mir gut !
Ich nenn' das immer "Täumen" und habe grad auch etwa mehr Zeit dafür. Die Schulferien hier sind 1 1/2 Monate lang (Sommer eben !) und ich fühle mich in unserm Haus so wohl, grade auch bei dem Klima hier..
Ja, sich Erlebtes und liebe Menschen in Einnerung rufen, heisst doch, sie lebendig zu halten, oder ? All' die Tanten und Oma's in Kittelschürzen, mit Haarnetzen und hautfarbenen Feinstrumpfhosen...
Eckbänke, in die Kinder reinpassen, Grassuppen und Kaffeepfützen ;)
Den verstorbenen Verwandten einen lieben Gedanken schicken und ein "Du fehlst mir"...oder "ich hätte Dich so gern besser kennengelernt!"...

Alles Liebe

Ursel

kvinna hat gesagt…

Hallo, du "gedankenhüpfende" Ursel, du!

Auch dir nochmal ausdrücklich ein gutes 2007! Mich hat in drei Stunden der Alltag wieder, die Ferien sind um!

Genau so ist das mit den Verstorbenen und dem Vergangenen, so eine Art Wiedersehen. Ich freue mich einfach an meiner Gedankenkraft und wie schön eigentlich vieles war. Und das ich immer noch Neues schöpfen kann aus dem Gewesenen. Es auch mal anders beleuchten.

P.S.: ich fasse es nicht: die Wortbestätigung lautet "hilft". Echt!

sternstunden hat gesagt…

Hi Kvinna,
deine Gedankensprudeleien gefallen mir
sehr und ich nehme sie als Anregung, meine auch ein bißchen sprudeln zu lassen.
Es ist tatsächlich so,dass nichts vergessen und verloren ist,sondern nur vergraben und die Erinnerungen auszubuddeln ist tatsächlich ein bißchen wie Schatzsuche....wobei natürlich nicht nur "schöne" Schätze ans Tageslicht befördert werden..das macht es spannend!
Liebe Grüße,Stela