Donnerstag, Februar 08, 2007

Wurzeln

Meine Oma väterlicherseits hieß Emma und wohnte, solange ich sie kannte, in einem winzigen Häuschen auf einem großen, uralten Gutshof.

Ursprünglich kam sie aus Pommern, wo sie auch geheiratet und ihr erstes Kind bekommen hat. An der Ostseeküste haben sie gelebt. Die kleine Familie kam aber schon vor dem Krieg ins Rheinland, an den Niederrhein (!), wegen der Arbeit. Als mein Opa dann eingezogen wurde, ging Emma schwanger und mit einem kleinen Kind an der Hand zurück an die Ostsee, zu ihrer Familie. Hätte ich wahrscheinlich auch getan.

So wurde mein Vater in Pommern geboren. Aber 1945, als er drei Jahre alt war, musste seine Mutter ihn und seine Schwester sozusagen unter den Arm klemmen und vor den Russen fliehen. Ins Ruhrgebiet. Sie hat manchmal erzählt, dass sie meinen Vater fast wärend der ganzen Flucht getragen hat.

Nach einigem Hin und Her und der Rückkehr meines Opas aus englischer Gefangenschaft landeten sie schließlich auf besagtem Gutshof, wo mein Opa dann als Melker arbeitete, später als Lagerverwalter einer bekannten Kaufhauskette in der Stadt. Noch ein Sohn wurde geboren, der Onkel, der die gleiche weiße Strähne in den Haaren hat wie meine Oma und ich.

Mein Vater jobbte viel an der Tankstelle, die in Sichtweite liegt und als er meine Mutter heiratete, dauerte es nicht lange, bis er den Laden übernahm. Er hat ihn bis heute.

Ich habe ziemlich viel Kindheit auf diesem Hof verbracht, der Sohn der Gutspächter war mein Kinderfreund, mein Spielkamerad, wir waren Abenteurer, es gab viel Brachland, einen Bach und manches Geheimnis...

Das Haus und der Garten - für mein Kinderherz eine ganze Welt. Nichts, was unter den Händen meiner Oma nicht wuchs und gedieh. Wenn ich sie mir heute in Erinnerung rufe, dann glaube ich, sie war eine wilde Frau. Und es ist eine Schande, dass ich sie aufgegeben habe. Aber ich wusste es nicht besser, war zusehr mit mir selbst beschäftigt, um das zu sehen. Na ja. Leben eben.

Mit dem Erwachsen-Werden und Familie-Gründen verschwand sie zunehmend aus meinem Blickfeld. Mein Opa starb 1996 und da versuchte ich ehrlich, mich um Emma zu kümmern. Aber es war schwierig. Sie tat mir leid, weil sie einsam und traurig war, aber oft machte sie mich wütend, weil sie sich nie über meinen Besuch freute, sondern erstmal schimpfen musste, ich hätte sie ja wohl völlig vergessen, bevor sie herzlich sein konnte. Ich war uneinsichtig, aber ich hadere nicht mehr mit mir.

Mir tun die Jahre leid, die ich versäumt habe. Ich hätte sie gern noch ein bisschen begleitet.

Vorgestern abend dann musste ich zu Hause raus, an die Luft, bin blindwütig aus dem Haus gerannt und habe mich in den schnuckeligen Leihwagen gesetzt, das Spaßmobil.

WOHIN?

Ich wusste es fast sofort. Ich war so lange nicht mehr da. Vorsichtig über die kleine, schmale Brücke, das Sportfahrwerk lässt mich jedes Steinchen spüren, nichts verändert, die Holperpiste an der Pferdeweide entlang wie eh' und jeh'.

Die Pappel am Hofeingang unverändert, ungerührt von Kyrill und imposant. Die größte Pappel, die ich kenne. Nichts, gar nichts, hat sich verändert. Sogar der alte Plastiksandkasten auf der kleinen Wiese neben dem Pferdestall ist noch da, von Brennesseln überwuchert. Auf seinem Rand saß ich vermutlich schon mit Windelhintern...

Das Häuschen meiner Oma. Die Rolläden sind heruntergelassen, es steht leer, seit Emma tot ist. Drei Jahre? Vier? Das Gartentor, das mein Opa selbst gezimmert hat. Der verbeulte Alu-Futternapf, der als Regenschutz-Mütze auf den rechten Torpfosten genagelt ist solange ich denken kann. Omas geliebter Flieder.

Es ist stockdunkel. Ich klettere über das Tor in den nächtlichen Garten, der keiner mehr ist. Fast sofort zieht mich die Erde an, als wolle sie mich in die Knie zwingen. Beinahe ein schwindeliges Gefühl, ein Ziehen in allen Gliedern. Die mit Kompost und systematischem, regelmäßigen Umgraben gepflegte, gehätschelte Erde, dieser Boden, der vor Fruchtbarkeit schmatzt.

Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit, es ist alles noch da. Die selbstgezimmerte Laube. Der Hühnerstall. Das kleine Gewächshaus ist inzwischen unter der riesigen Kiwi zusammengebrochen, die Ranken recken sich wie suchend in den Nachthimmel. Die sorgfältig verlegten Gehwegplatten sind nur versteckt unter dem Gras. Und unter der sichtbaren Oberfläche ist in Wahrheit alles noch da: das ordentlich aufgestapelte Brennholz, die Wäschespinne, die Mistgabel. Die Gerüche.

SAM schrieb mal ein paar unsortierte Gedanken zu alten Häusern und Gebäuden, sie kommen mir in den Sinn, als ich vom Garten die Rückseite des Häuschens betrachte. Die Antenne ist sogar noch da. Was muß dieses Gebäude noch ausstehen, bis es zur Ruhe kommen darf?

Es summt in meinem Kopf. Meine Oma sagt: "Du brauchst dich nicht zu entschuldigen."

Besänftigt und mit der Gewissheit, diesen Ort immer in mir zu tragen, ihn nicht verloren zu haben, kehre ich dem Gutshof den Rücken.

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