Freitag, Mai 25, 2007

Ein Fitzelchen Mensch...

...landete heute früh auf der Brotscheibe, die mein neunjähriger Sohn sich an der Brotschneidemaschine vom Laib schnitt. Ein winziges Stück Fingerkuppe.

Ich war draußen, als das Kind zu schreien anfing und wusste sofort, jetzt werde ich Blut sehen. Er kam rausgerannt, schrie:"Mama, ein Pflaster, ein Pflaster, ein Pflaster..." und ich sträubte mich innerlich, das ansehen zu müssen, aber ich musste doch, es hätte ein größeres Stück Finger fehlen können, ich musste doch wissen, was ist.

Rein mit dem Kind ins Bad, ein Pflaster drauf, das Kind auf die Terrasse, die Beine hoch. Nebenan zur Schwägerin rennen, die Gottseidank frei hat heute, sie bitten, sich um die beiden anderen Kinder zu kümmern, diese beruhigen, "Nein, ihr seid nicht Schuld, dass das passiert ist!", erkennen, dass ein Pflaster gar nichts nützt, ein dickes Handtuch um die blutüberströmte Hand winden, ein Taxi rufen, das Kind hört nicht auf zu schreien, alles ist voller Blut, "Kind, halt' die Hand hoch!", nein, ich rufe den Notarzt, zehn Minuten auf ein Taxi zu warten, das halte ich jetzt nicht aus und an selbst fahren ist nicht zu denken...

Erst als der Rettungswagen vor der Tür steht, wird mir bewusst, dass ich die ganze Zeit dieses kleine Stück Haut in der Hand halte, "Brauchen sie das?", "Nein", antwortet die Sanitäterin und alles geht seinen Gang. Inzwischen trifft der Taxifahrer ein, ich geb' ihm 'nen Fünfer, viel mehr hätte er an der Fahrt auch nicht verdient, ich entschuldige mich, er bedankt sich und wünscht uns alles Gute.

Im Krankenhaus nochmal weinen, weil an dem Finger herumgefummelt wird, Blut fließt wieder, das Kind kriegt eine Schmerztablette, wir können beide nicht hinsehen. Der Pfleger ist ein patenter Typ und ich bin ihm dankbar für seine Scherze.

Und langsam, ganz langsam, kommen mein Kind und ich wieder auf der Erde an. Die Taxifahrerin fährt vom Krankenhaus aus den weitestmöglichen Weg zu uns nach Hause, aber das ist mir so egal... so egal.

Und wieder so ein Tag, an dem alles ganz anders kam, als noch beim Aufstehen gedacht...

Kommentare:

der Gauzibauz hat gesagt…

Ja, nun habt ihr das ja Gott sei Dank gut überstanden, ihr zwei.Sei froh, dass nicht mehr passiert ist und dem Kleinen wünsch ich Gute Besserung!Ich hätt auch ne Geschichte auf Lager, da hats meinem Grossen die Schwarte an der Stirn aufplatzen lassen. In dem Moment steht tatsächlich die Welt still! Und dieser Zustand ist mit nix vergleichbar.

kvinna hat gesagt…

Es wird nix zurückbleiben, sagte der Arzt gestern beim Verbandwechsel. Und es ist ja eigentlich makaber, aber wir hatten wirklich Glück, das die Klinge an unserer Brotschneidemaschine soo extrem scharf ist: denn das machte einen sauberen Schnitt, der sauber abheilt.

Aber das Blut und vor allem der Anblick von diesem Fitzelchen Finger auf der Brotscheibe, das verfolgt mich noch bis in meine Träume.

Na ja, je mehr Kinder man hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man irgendwelche Notdienste in Anspruch nehmen muss.

Es war ja auch nicht das erste Mal... gehört wohl zum Großwerden dazu. Irgendwas ist immer...

der Gauzibauz hat gesagt…

Ja, das war bestimmt nicht das LETZTE mal, dass was ist.

Was anderes will ich dir noch sagen. Muss es so tun, weil ja keine E-mail adressen mehr angezeigt werden.
Weisst du was wirklich weiblich ist?
Die Hingabe an die Brut. Sonst wüsst ich nix, was sonst nicht auch Männer könnten. Diese Hingabe beim säubern der Jungen im Tierreich und bei uns Menschen in der kurzen Zeitspanne von Geburt und etwa drei Monaten.

Sam hat gesagt…

Hi Kvinna,
ich trage seit ca. 35 Jahren eine schöne mondsichelförmige Narbe an meinem linken Daumengrundgelenk. Der Abschnitt ist zum Glück wieder angewachsen, ich hatte eine gute Wundheilung.

Bringt mein Sohn doch irgendwann dieses damals "schuldige" 40-jährige Monstrum von Brotschneidemaschine mit (es füllt ungefähr ein Drittel meines Küchenstauraums aus) mit dem Hinweis, die Oma bräucht sie nicht mehr und hätte sie uns geschenkt.
Und ich machte zu deren Benutzung den gleichen, fast schon berufsgenossenschaftlichen Wirbel wie andere um die Kreissäge: NUR mit Führung am Anschlag schneiden! Und schau immer hin wo Deine Hand ist! Mach Dir ordentlich Licht dazu! etc. (Ich wär eine schlechte Wurstwarenverkäuferin, ich würde allen ausser mir einen Kettenhandschuh aufnötigen...)

kvinna hat gesagt…

Jo, ich habe mir anhören müssen, wieso ich denn EIN KIND an SO EINE Maschine lasse, noch dazu OHNE AUFSICHT. Sein Bruder hat rumgealbert und ihn abgelenkt.

Ich will meinen Kindern aber nicht den Arsch nachtragen. Sie sollen sich ihre Schulbrote selbst machen. Dazu gehört auch BROT SCHNEIDEN. Und "Das ist zu gefährlich für dich! Dazu bist du zu klein!" habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen, bzw. gar nicht erst aufgenommen. Nicht immer leicht. Wie sollen sie's sonst lernen?

Aber ich behaupte mal, DAS hätte mir auch passieren können, ein Kind lenkt mich ab, und schon ist der Finger auf der andern Seite der Klinge. :)

Du hast dir den Daumen aber nicht ganz abgetrennt, oder? Schauder!

Sam hat gesagt…

Nein. Nur etwas ins Gelenk gesägt, aber ich kenne einige Unfälle in die Richtung...

Die Gefahr bei scharfem und schnelläufendem Gerät liegt meines Erachtens nicht im zu klein, zu jung, unbeaufsichtigt etc. sondern hinter der Routine, nachdem man glaubt, man hätte es im Griff. Da wird man gern mal unvorsichtig und ablenkbar. Ein Anfänger, der noch achtgibt, verletzt sich so gut wie nie!

kvinna hat gesagt…

So sehe ich das auch. Das Kind geht schon ca. 2 Jahre mit der Maschine um. Die ist übrigens auch noch von meinen Schwiegereltern, wie so vieles in diesem alten Haus und ich verspüre auch nach diesem Erlebnis nicht den Drang, sie abzuschaffen...

sternstunden hat gesagt…

Hi Kvinna,
gut, dass nicht mehr passiert ist.
Schade dass unsere Umgebung immer mit
nachträglichem Besserwissertum zur Stelle ist.
Meine Tochter hat sich mit fünf bei einem Sprung durch die geschlossene Galstür den Arm aufgeschlitzt.Da wussten plötzlich viele Leute,dass es besser ist in Häsern mit Kindern nur Kunststoffscheiben zu verwenden..
Liebe Grüße,Stela

artemis hat gesagt…

öhm, kvinna,
das tut mir Leid, dass ich so gefühllos in deinen Post hineinquäke, aber:
ich hab den Mooncup jetzt auch (dank einer Empfehlung, die ich bei dir gelesen habe) und bin wirklich begeistert!

also, danke danke für deinen Einsatz für Umwelt, Geldbörsel, und überhaupt ein praktischeres Leben :)

kvinna hat gesagt…

@Stela: Nee, da bin ich absolut dagegen. Es gibt ja diverse Kataloge, in welchen man massenhaft Artikel findet, die dazu dienen sollen, ein neugieriges Kleinkind vor den Gefahren im Haushalt zu schützen. DA kann frau Geld ausgeben!!! Und da fängt der Humbug doch schon an. Wenn alles abgepolstert wird, zu welchem Zeitpunkt soll denn dann der Absprung ins "wahre Leben" stattfinden? Wow, dazu könnte ich jetzt noch Seiten schreiben... nee, überbeschützen habe ich am eigenen Leib erlebt und mächte es meinen Kindern ersparen. Das rechte Maß zu finden, das ist der Punkt, nicht zu leichtsinnig und auch nicht übervorsichtig zu sein - den Kindern das zu vermitteln, das ist echt 'ne Aufgabe... :)

@Artemis: He, das finde ich richtig gut! Diese Methode war für mich eine echte Offenbarung und ich finde, frau kann gar nicht genug Werbung dafür machen. Also immer weitersagen! :D

mondin hat gesagt…

Genau,
kennst Du "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück" von Liedloff ?
Darin kommt auch ein Beispiel vor, bei dem ein Kind in einem Swimmingpool ertrinkt, der sogar eingezäunt war (wenn ich mich recht entsinne), WEIL die Eltern von der ANGST besessen waren, dass das passieren würde !

Keine Sorge, selbst mir als ehem. OP-Schwester wurde schwummrig, als ich beim Nähen des Tochter-Knies zusah. Bei den eigene Kids ist man oder frau dagegen nicht gefeit, egal wie fit man sonst sein mag.
Das mit den scharfen Schnitten, die besser heilen, ist wirklich makaber, stimmt aber !

Gut, dass es gut ausgegangen ist !

kvinna hat gesagt…

Liedloff kannte ich noch nicht, hab' mich mal eben schlau gemacht :) und die Frau geht absolut in meine Richtung: Der Mensch ist ein Säugetier.

Am Einschneidensten war für mich die Erfahrung, mich im akuten Moment all' dem Blut stellen zu können, wo ich sonst geflohen wäre.