Freitag, August 24, 2007

Kuttiii!!!

Gestern... gestern war so ein Tag, an dem ich mich mal von der Leine gelassen habe, aus den Schienen gesprungen bin, auf denen ich sonst laufe.

Schon vor längerer Zeit hatte ich über das Internet einen Laden in Duisburg-Meiderich entdeckt, der Heilsteine verkauft. Mein Vormittag war frei, 10 Uhr sollte der Laden öffnen, um kurz vor elf war ich dort - vor verschlossener Tür. Offenbar hatte ich mich auf der Website verlesen, nun hatte ich also Zeit bis zwölf.

Da ich nun einmal da war, einen guten Parkplatz hatte und die Sonne schien, dachte ich:"Gut, guckste dir mal Meiderich an, mal sehen, was kommt!" und schlenderte los. Was ich sah, gefiel mir: zwischen dem typischen Vorstadt-Grau immer wieder alte Backsteinbauten mit knorrigen Obstbäumen im Vorgarten, hie und da eine kleine grüne Oase, das eine oder andere alteingesessene Geschäft.

Ich ging eine verkehrsberuhigte Straße entlang, ohne Bordstein, ein Kleinlaster schwenkte in meinen Weg, rangierte, um einzuparken. Im Augenwinkel registrierte ich, dass der Fahrer mich ansah, ich erwiderte seinen Blick aber nicht.

Da entdeckte ich einige Meter weiter einen Eisenwarenladen, oh, prima, ich brauchte sehr große Muttern, die kriegt man nicht überall. Also ging ich 'rein.

Eine Männerwelt, ganz klar, ich war beinahe ein Alien. :) Hinter der altmodischen Theke vom Boden bis zur Decke hölzerne, schwergängige Schubladen und eine Menge Staub. Einige Regale mit Äxten, Sägeblättern und Akkuschraubern, Schnüre als Meterware, die brauchte ich auch.

Am Rande meines Gesichstfeldes betrat der Fahrer des Kleinlasters den Laden und stand schließlich vor mir in der Schlange. Jetzt erst sah ich genauer hin und dachte zweifelnd:"Junge, bist du etwa...? Also, wenn du jetzt eine sooo tiefe Stimme hast, dass es mir bis in den kleinen Zeh fährt...!"

Ich wurde unruhig, er sagte nix zu dem Verkäufer, leistete nur eine Unterschrift. Im Rausgehen dann pfefferte er ein "Tschööö!" auf die Theke und ich geb's zu: mein Herz klopfte lauter. Sekundenbruchteile zögerte ich, dann verließ ich den Laden und ging Richtung Kleinlaster, mit etwas wackligen Beinen.

Der Wagen kam mir entgegen und ich hob die Hand, er hielt, sah mich ahnungsvoll an und da wusste ich es. Meine Knie wurden weich.

"Entschuldigung, das mag jetzt wie eine plumpe Anmache klingen, aber kennen wir uns?"
"Ja, ich war auch am überlegen, doch!?"
"Kutti?"
Er nickte.
"Mensch, wie lange ist das her, zwanzig Jahre??"
"Soo lange?"
"Weißt du, WIE unwahrscheinlich das ist, dass ICH jetzt HIER bin??"
"Wieso?" fragt er begriffsstutzig und ich erkläre ihm, wo ich jetzt wohne und dass ich eigentlich noch nie in Meiderich war.
"Ich kenn' mich hier auch nicht aus..."

Wir tauschen die Eckdaten, verheiratet ist er, hat ein Kind. Ihn nach seiner Telefonnummer zu fragen, fand ich ein bisschen zu direkt, seine e-mail Adresse funktioniert nicht, sagt er und ich akzeptiere ein Stoppschild, wenn ich eins sehe. Ich wollt' ja auch nicht wiederanknüpfen, nur in alten Zeiten schwelgen. :D

Er unterdrückte mühsam die Rührung, meine äusserte sich im Übersprudeln.

Ich sehe in diese stahlblauen Augen und frage: "Geht's dir gut?" "Ja!" sagt er, aber er hätte "viel Arbeit!"und hinter ihm drängte ein Auto. Wir verabschiedeten uns mit guten Wünschen und ich lächelte immer noch, als ich den Eisenwarenladen erneut betrat.

Immer noch Zeit habend, durch die Straßen schlendernd, fiel mir immer mehr wieder ein (und ich kriegte das Grinsen nicht aus meinem Gesicht): damals wohnte ich allein in Duisburg in der Nähe vom Zoo, am Rande der Studentenszene. Kutti gehörte zu einer ganzen Clique von Motorradfahrern, mit denen ich mich damals rumtrieb.

Sommer. Sonne. Motorradfahren (als Sozia). "Fury in the Slaughterhouse" sangen damals "Won't forget these days" und ich wusste, dass es stimmt. "R.E.M" brachten "Losin' my Religion" 'raus.

Anfang zwanzig waren wir - ("Kutti! Ich hab' mich vertan! Das mit uns ist erst sechzehn Jahre her!") und ein bisschen wild. Die Jungs gaben viel Geld für Tätowierungen aus, wir fuhren schöne Touren mit den Mopeds und lernten die schrägsten Kneipen kennen.

Kutti hatte eine Freundin, die von irgendwoher zu ihm gezogen war - Sauerland? Eifel? - und so gut wie nie mitkam, wenn wir was unternahmen. Was ich ziemlich komisch fand, so jung... jedenfalls, seine Stimme fuhr mir ohne Umwege direkt in den Bauch. Dieser Hundeblick aus stahlblauen Augen... ich konnte nicht widerstehen!

Damals, O-Ton, immer wieder:
"Entschuldigung!"
"Mööönsch, Kutti, jetzt entschuldige dich doch nicht dauernd für alles!"
"Tut mir leid!"

Das war schon herrlich. Irgendwo habe ich ein Foto... die seidige Haut! Hachja. Wir waren soo unerfahren!

Die Mädels in der Clique haben mir nach meinem One-Night-Stand mit ihm die Hölle heiß gemacht, natürlich war das 'rausgekommen. Ich hatte nicht erwartet, dass er sich meinetwegen von seiner Freundin trennen tät', in meiner Verliebtheit damals wär's zwar schön gewesen, aber Illusionen habe ich mir keine gemacht. So war's auch okay.

Schon ganz schön sentimental, das ganze. Ein kleines Juwel für meine Schatztruhe...

Mööönsch, Kutti!

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