Donnerstag, Dezember 27, 2007

So oder so ist das Leben...

Dieser Tage hat mich in der öffentlichen Bücherei mal wieder ein Buch gefunden, so eins für einen Nachmittag, das wirklich ein Geschenk ist. "Federkleid" von Banana Yoshimoto, die ich bis dahin gar nicht kannte. (Wer's mag: Diogenes Verlag, ISBN 978 3 257 06579 4)

Hotaru kehrt darin voller Liebeskummer aus Tokyo in ihre kleine Heimatstadt zurück und trifft u.a. Rumi wieder, die inzwischen in einem Kinderhort arbeitet.

Eines Abends war ich bei Rumi. Sie hatte mich eingeladen, bei ihr zu übernachten. Ich hatte bereits geduscht und den Pyjama angezogen. Gemütlich saßen wir im Wohnzimmer und plauderten. Wenn Rumi gelegentlich das Fenster öffnete, strömte zusammen mit der kühlen Luft ein zarter, frühlingshafter Geruch herein.

"Übrigens, vor ein paar Wochen hat ein Junge bei uns ein Taubenküken aufgelesen. Er hat den Käfig mit dem Küken bei der Einganspforte aufgestellt und sich aufopferungsvoll um das kleine Wesen gekümmert. Wirklich aufopferungsvoll. Anstatt mit den anderen Kindern zu spielen, hat er die ganze Zeit das Küken umsorgt und es sogar zum Tierarzt gebracht. Der Junge liebte seine Taube über alles. Nicht nur die Taube, alle Vögel. Aber stell dir vor: Neulich hat ein Landstreicher die Taube gegessen."
"Gegessen?"
"Kein Scherz. Einer vom Fluss hat die Taube gestohlen. Hat sie gebraten und gegessen. Einfach so."
"Tja, jeder sieht die Welt mit seinen Augen. Für den Jungen ist die Taube ein Objekt grenzenloser Liebe, der Landstreicher hingegen sieht darin nur ein Stück Fleisch"
"Man möchte lachen und trotzdem tut es weh."
"Wehtun ginge ja noch - es bricht einem das Herz!"
"Schon, aber weil der Junge und der Landstreicher in so verschiedenen Welten leben, kann man vielleicht nicht mal sagen, wer recht hat. Man kann sich auf die eine oder andere Seite schlagen, doch die schmerzlichen Erfahrungen, die wir alle mehr oder weniger machen, kann man nicht ignorieren. Man muss die Gefühle ernst nehmen, diejenigen des Landstreichers wie die des Kindes. Wir können noch so lange über Gut und Böse philosophieren - was letztlich zählt, sind unsere Erlebnisse und Empfindungen im Alltag, mögen sie noch so klein oder unbedeutend erscheinen."
"Und was hast du ihm gesagt?"
"Der Mann sieht die Welt anders als du, aber deshalb darfst du dich nicht unterkriegen lassen. Wenn dir jemand etwas kaputtmacht, musst du halt wieder von vorne anfangen. Immer und immer wieder. Nicht aufgeben. - Ich wollte dem Jungen nichts vormachen."

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