Donnerstag, Februar 28, 2008

Geburt


Im Harz

Meine Mutter wurde vor etwas mehr als 37 Jahren in einem kalten, gekachelten, sterilen und OP-mäßig ausgeleuchteten Raum auf den Rücken gelegt, um sie von mir zu entbinden. Als sie mich das erste Mal in den Arm nahm, trug sie einen Mundschutz, der mich vor Keimen schützen sollte. Wie sanft oder unsanft von Seiten des Krankenhauspersonals mit mir verfahren wurde, überlege ich lieber nicht. Gestillt worden bin ich nicht, weil der Wissenschaft damals Menge und Zusammensetzung dessen, was aus Menschenbrüsten zu fließen pflegt, äußerst suspekt war. Inkompetenter Weise wurde meiner Mutter geraten, der Milchfluss sei nur mit häufigem, langem Abpumpen zu unterbinden. (Der Beipackzettel von Abstilltabletten liest sich übrigens wie ein Horrorkabinett.)


Siebenundzwanzig Jahre später war ich zum ersten Mal schwanger. Eine meiner Cousinen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits drei Kinder (heute hat sie sechs) und vertrauensvoll suchte ich Rat bei ihr, wo denn ein Kind am Besten zur Welt käme.

Das Krankenhaus, das sie mir empfahl, gefiel mir gut. Man rühmte sich dort einer Geburtshilfe nach Frédérick Leboyer, dem Verfechter der gewaltfreien Geburt.


An der Ahr


So landete ich dann in einem Kreißsaal, dessen Wände gebärmutterfarben gestrichen waren, in welchem gedämpftes Licht, Ruhe und eine Raumtemperatur von konstant 37°C herrschten. Jedwedes medizinisches Gerät war unsichtbar. Musik, Essen und Getränke konnten nach eigenen Wünschen mitgebracht werden.

Es gab Homöopathie und Bachblüten, einen Gebärstuhl, ein Bett, das keinerlei Ähnlichkeit mit einem Klinikbett hatte, auf dem die Hebammen, der werdende Vater und im Zweifelsfall auch noch der Arzt Platz hatten, ich konnte hängen, sitzen, stehen, liegen in allen nur erdenklichen Positionen - und laufen auch. Es gab eine große Gebärwanne, einen Sitzball...

Hätte ich Kopfstand machen wollen während der Wehen, mich hätte niemand daran gehindert.

Beim ersten Kind ist etwas schiefgegangen und er kam dann per Notkaiserschnitt auf die Welt.

Für mich war das Gefühl danach so, als sei ich im Garten Eden von einem Bus überfahren worden. Dieses traumatische Erlebnis führte dazu, dass wir als Eltern uns völlig einig waren, den beiden anderen Kindern bei ihren Geburten die sichere Nähe der Intensivmedizin gewähren zu wollen.

Trotz all' der kuscheligen anthroposophischen Ansätze, es war ein Krankenhaus. Das habe ich beim ersten Kind so nach und nach auf der Wochenstation geblickt, als ich allmählich aus meinem Hormonnebel erwachte. Und daher war es für mich das Größte, die beiden anderen Kinder später zwar auch dort, aber AMBULANT zu bekommen. Es fühlte sich an wie eine Wiedergutmachung, ein gerechter Ausgleich.

Der Kreis der Mütter, in den ich hineinfand (weil sie alle mindestens einmal im selben Kreißsaal gewesen waren wie ich ;), hing der "natürlichen Geburt" an, eine dieser Mütter zog später an den Bodensee und bekam dort das dritte Kind. Das ist ungefähr sechs Jahre her. Beim Umzug war sie gerade erst schwanger und tat sich beizeiten nach den dortigen "Gebärmöglichkeiten" um.

Der allgemeine Tenor war: Gekachelte Wände. Sterile OP-Kälte. Die benachbarte Weiblichkeit rümpfte meistensteils die Nase bei Stichworten wie"alternativ" oder "Gebärhaus". Gab's gar nicht. Das nächste wäre in der Schweiz gewesen.

Da hat sie sich lange und sorgfältig eine gute Hebamme gesucht und ihr Kind zu Hause bekommen. In der Badewanne.

Unterm Strich heißt das: In Baden-Württembergs Krankenhäusern herrscht eine Geburtsmedizin wie im Ruhrgebiet vor dreißig Jahren???? Ich hab' Leboyer als so klar und einfach, so einleuchtend, richtig und wichtig empfunden, es plättet mich einigermaßen, dass er nicht alles und alle, die damit zu tun haben, durchdringt. Dass es noch immer Geister gibt, die sich dem entziehen können.

In unserer ach so aufgeklärten Welt.

Kommentare:

rike hat gesagt…

eindeutig: ja!
als wir nach BW zogen, war ich mit dem 4.kind im 6. monat schwanger.
wir haben das krankenhaus nach 2 stunden mit dem taxi verlassen.
das 5. kind kam zuhause zur welt.

und: auch ich wurde nicht gestillt. alle frauen hatten damals eine "brustentzündung". kein wunder.

liebe grüße!
von rike, die auch gerade krank wird...

kvinna hat gesagt…

Es fehlt an Weiblichkeit in der Geburtsmedizin. Aber von männlichen Hebammen habe ich noch nie gehört. Der Knackpunkt sind vermutlich die "Mediziner". Die Herren Professoren.

Schaurig, was unseren Müttern über ihre Brüste und ihre Milch erzählt worden ist, oder?

Mensch, rike, bleib' gesund! Oder werd's schnell wieder! Ich wünsch' dir viiel Flüssigkeit...

Deep blue Nyx hat gesagt…

Schade, ich kann leider meine Mutter nicht mehr fragen wie es damals bei mir war, vor 37 jahren, aber sicher nicht viel anders als bei dir. Damals in nem kleinen Kaff in Bayern.Ich wurde, soweit ich weiss gestillt... zum Glück ;)

Ich hab 2 meiner Kids ambulant bekommen und der jüngste kam auch bei mir zu Hause auf die Welt. Nicht weil die Krankenhäuser noch immer so steril und unweiblich sind bei uns in der Schweiz, schliesslich gibts auch schöne Geburtshäuser, aber einfach weil es mir als das natürlichste erschien.

Aber was mir mein Frauenarzt damals gesagt hat hat mich dann doch sehr in erstaunen versetzt. ich meinte ich wolle den kleinen zu hause auf die Welt bringen da meinte er nur entrüstet... wir sind doch hier nicht im Busch!! Hallo?

Frauen haben ihre Kinder schon immer auch ohne Männer / Ärzte auf die Welt gebracht, Es waren immer Frauen also Hebammen die dem Kind auf die Welt halfen. Das Krankenhaus ist halt immer noch die Domäne des Arztes und wehe man stellt sich gegen sie...

Schade, will man doch eigentlich nur das beste fürs Kind und die Mutter.

Ich sag ja nichts wenn Frau die Sicherheit des Krankenhauses will oder braucht oder es eine Riesikoschwangerschaft war oder ist oder Komplikationen anstehen...Aber eine Frau als verantwortungslos zu denunzieren weil sie in einem Geburtshaus oder ne Hausgeburt machen möchte find ich echt unterste Schublade.

Kingsizefairy hat gesagt…

Zitat:
"Aber eine Frau als verantwortungslos zu denunzieren weil sie in einem Geburtshaus oder ne Hausgeburt machen möchte find ich echt unterste Schublade."

Genau so übel finde ich es aber auch, Frauen, die eben nicht in einem Geburtshaus oder daheim ihr Kind bekommen wollen, als blöd abzustempeln

Nur mal so angemerkt...

In unserer ach so zivilisierten Welt wurde ein natürlicher Vorgang technisiert. Vielleicht weil das auch mit eine der wenigen Domänen ist, wo Männer keine Ahnung und vor allem kaum Einfluss haben?

In den Niederlanden ist eine Hausgeburt gang und gäbe. Dort steht aber auch schon vorneherein die Betreuung mit Hebamme und Familienpflegerin fest. Was ich in Deutschland schon vermisst habe. Bzw. mangelte es dort immer sehr an Aufklärung.

Für mich persönlich wäre eine Entbindung zuhause vollkommen außer Frage gewesen. Lag zum einen an meinen damaligen familiären Umständen und ich wollte es auch nicht. Konnte ich auch nicht letztendlich, da meine Älteste es sehr eilig hatte.

Ich vermute mal, dass meine damalige Klinik auch etwas Leboyer beeinflusst war. Die drei Geburtszimmer waren in Erdtönen gestrichen, Stoffjalousien sorgten ebenfalls für gedämpftes Licht. Alle medizinschen Gerätschaften waren am Kopfende, also außer Sicht, in Schränken untergebracht, die bei Bedarf geöffnet werden konnten. Also nichts, was einem Angst machen konnte.

Die Hebammen selbst, speziell die Oberhebamme, stand auch auf dem Standpunkt: wegen mir auch am Seil schwingend an der Decke, ganz wie's beliebt.

Die Hebamme bei meiner Jüngsten war dann eher ein Besen, blöde Tucke. Naja.

Dennoch, ich bin für mich froh, dass ich ins Kkhs gegangen bin.

Meine Große würde u.U. heute nicht da sein, und bei meiner Jüngsten wären wir beide nicht mehr am Leben.

Alles Situationen, die in keinster Weise voraussehbar waren.

Es ist zwar schön und gut, dass es mehr Geburtshäuser etc. gibt, aber ich denke, es sollte auch ein Ziel sein, die bestehenden Krankenhaussituationen zu verändern, damit selbst die Frauen, die sich für ein Krankenhaus entscheiden (aus welchen Gründen auch immer), eine halbwegs angenehme Geburt erleben können.

Deep blue Nyx hat gesagt…

Zitat:
"Genau so übel finde ich es aber auch, Frauen, die eben nicht in einem Geburtshaus oder daheim ihr Kind bekommen wollen, als blöd abzustempeln"

Klar das ist auch völlig daneben! Es soll jede für sich entscheiden wie sie es gerne haben möchte.

kvinna hat gesagt…

Vor allem aber sollten die Schulmediziner (und Schulmedizinerinnen) ihre bornierte Bevormundung für sich behalten. Ich kenne nämlich Frauen, die absolut weißkittelgläubig sind.

Sylke hat gesagt…

Ich hatte immer so einen Mordsbammel vor der Geburt, d. ich erst gar keine Kinder wollte.
OK, gab noch ein, zwei weitere Gründe...
Von daher war mein erster Satz, als ich hörte, es werden Zwilling: "Fein, dann bekomme ich ja meinen Kaiserschnitt"
Haut mich nicht, aber ich war und bin sehr froh darüber.

kvinna hat gesagt…

Wo werd' ich dich hauen!

Ich hab' mir darüber vorher keine Gedanken gemacht und find' rückblickend den Kaiserschnitt grausamer.

Aber die Situation war ja auch eine ganz andre. Da kann keine 'reinreden - und schon gar nicht beurteilen!

Ursel hat gesagt…

hallo zusammen !

Kvinna,
auch in Hessen bekommst Du heutzutage noch Angst von Medizinern und FRAUEN gemacht, wenn Du auch nur über eine ambulante, geschweige denn Hausgeburt NACHDENKST..

Irgendwann habe ich's dann nicht mehr oder nur noch hinterher erzählt, weil ich gar keine Meinungen mehr hören wollte.
Meine Frauenärztin konnte mit der ersten Hebamme nicht, die ich mir ausgesucht hatte. O.k., in dem Fall war mir mein Vertrauensverhältnis zur Frauenärztin auch wichtig und ich hab mir ne andere Hebamme gesucht.
Die machte dann nur Hausgeburten, da hatte sich alles erledigt :)
Sie hat aber immer beim ersten Haus-Besuch abgechekt, wie weit es zur nächsten Frauen-und Kinderklinik ist.
Haben wir zum Glück nicht gebraucht.
Sie hat die doppelt um's Hälschen gewundene Nabelschnur gut abgehalten und dann im richtigen Moment drübergezogen !
Habe ich erst nachher erfahren.

Ich denke, jede Frau muss das selber entscheiden.
Wenn ich nur irgendwie Angst bekommen hätte, wäre ich auch in's Krh. gegangen !!

Gruss
Ursel

kvinna hat gesagt…

Ja, die doppelt geschlungene Nabelschnur war bei uns der Grund für'n Kaiserschnitt. Da kann frau mal sehen, was Hebammen so alles zu bewältigen imstande sind.

Ich schrub's schon drüben bei Gauzi, dieser derart intime Vorgang kann gar nicht natürlich und entspannt ablaufen, wenn er unter den Augen unbekannter MÄNNER in einer fremden, technisierten Umgebung stattfindet.

Ein Hoch auf die Frauen, die sich zuvor nicht ins Bockshorn jagen lassen und ihr Ding einfach durchziehen!

ICH hab' sogar eine Frau gesprochen, die es unverantwortlich fand, ein Kind in einem Krankenhaus zu gebären, das KEINE angeschlossene Kinderklinik hat.

Wir lassen uns ganz schön leicht verdrehen, wir Frauen. Aber ich werd' jetzt keine wissenschaftliche Abhandlung darüber anfangen, WARUM wir so sind. ;)