Dienstag, Februar 12, 2008

"Rosa G." oder "Eine Geschichte, die erzählt gehört" oder "Das Nacht-Tisch-Stöckchen"

Vor einiger Zeit sah ich hier ein beantwortetes Stöckchen zum Thema "Nachttisch". Nun habe ich ein etwas ambivalentes Verhältnis zu den Stöckchen in den Blogs. Aber dem ein- oder andern kann ich mich nicht verweigern.

Zumal Rike es mir nach einer Andeutung meinerseits ausdrücklich auf's Auge gedrückt hat, das Nachttisch-Stöckchen. Und danach erst fiel mir auf, dass diese Geschichte auch um eine Rosa geht. Die Rosa G. nämlich, parallel zur Rosa P., Namensgeberin von Rikes Blog.

Dann soll's wohl sein.

Sie war ein "spätes Mädchen" und zeitlebens hatten die Männer das Bild bestimmt, das sie von ihrer Weiblichkeit zu haben hatte. Es war ein geringschätziges. So hielt sie in unserer Küche immer wieder die Geschichte von dem Nachbarn zum besten, der bei der Geburt seiner dritten Tochter "Schon wieder mit'ne Schlitz!" geflucht und sich wütend betrunken hatte.

Wie gesagt, sie kann für damalige Maßstäbe nicht mehr sehr jung gewesen sein, als Herr G. sie nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete. Er hatte bloß noch ein Bein, aber zwei Söhne, die eine Mutter brauchten. Und eine Werkswohnung.

In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte Mannesmann, damals DER Arbeitgeber in dieser Ecke Duisburgs, die Häuser für seine Leute gebaut, schon ziemlich modern, aber noch ohne Bäder, die kamen schätzungsweise in den fünfziger oder sechziger Jahren...

Man könnte sagen, sie hat sich ins gemachte Nest gesetzt, die Rosa, als sie Herrn G. geheiratet hat. Wie ich mir das Klima damals vorstelle, hat sicher auch mancher gesagt: "Sei froh, dass du noch einen abgekriegt hast!" Männer waren knapp nach dem Krieg.

So durfte sie keine eigenen Kinder kriegen, Einkommen und Platz hätten nicht gereicht. Und ich glaube, das hätte sie gern, ich hörte es zwischen den Zeilen...

Als Grejazi und ich in diesem Häuserblock unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen, war es die Erdgeschosswohnung unter den G.'s und Herr G. lebte noch, war aber schon bettlägerig. Wir fanden noch Reichsmark und sechzig Jahre alte Zeitungsschnipsel, als wir unser Räume auf links zogen, um sie zu renovieren und zu modernisieren. Unter der Spießigkeit vieler Tapetenlagen kam sogar noch der alte Anstrich ans Licht... der war braun ;) Wir scherzten damals, pro Zimmer je einen halben Quadratmeter Wohnfläche gewonnen zu haben durch die Entfernung der Tapeten...

Diese völlig verhutzelte, krumme, magere alte kleine Frau brachte es tatsächlich fertig, im Keller unsere Waschmaschine zu verschieben, damit wir bei unserm Einzug den besseren Standplatz dafür bekämen in der uralten Waschküche.

Sie hatte beschlossen, uns zu mögen.

Nu ja, sie hat Anschluss gesucht, die Rosa. Auf mich wirkte sie ein bisschen verloren mit all' den jungen Leuten, die ins Haus zogen, weil die alten Mieter nicht kaufen wollten und die Flucht ergriffen.

Die G.'s blieben und wir lernten die Wohnung kennen, als Rosa um Hilfe bat, weil ihr Mann aus dem Bett gefallen war. Die Luft war stickig, die Wohnung dämmrig und ich fühlte mich in der Zeit um locker 60 Jahre zurückversetzt, als ich die Räume betrat.

Er war ein findiger Mann gewesen, der Herr G., hat vieles selbst gemacht und an den möglichsten und unmöglichsten Stellen in der winzigen Wohnung Schränke eingebaut und Stauräume geschaffen, das musste er wohl auch, einst wohnten sie dort zu viert.

Nachdem Herr G. gestorben war, kam Rosa oft 'runter zu uns und wirkte nun umso verlorener und zerbrechlicher. Als ich schwangerschaftsbedingt aufhörte, berufstätig zu sein, verbrachte ich noch manche Stunde mit ihr am Küchentisch.

Sie tat mir leid, ja, aber als die Geschichten, die sie erzählte, anfingen, sich zu wiederholen und im Kreis zu drehen, ging sie mir allmählich auf die Nerven. Da ich dennoch nicht das Herz hatte, mich ihr zu verweigern, gewöhnte ich mir an, in ihrer Anwesenheit meinen eigenen Tätigkeiten nachzugehen und gelegentlich rhythmisch "Jaja!" und "Ach?" oder ungläubig "Nein!" zu äußern, wie's grad' kam.

Es ging dann ganz gut mit ihr. Wenn ich ihren Stock im hölzernen Treppenhaus die Stufen hinunterklopfen hörte, stellte ich mich auch gelegentlich abwesend. Bei Bedarf erledigte ich ihre Einkäufe für sie und nahm ihre Besuche und ihren Gesprächsbedarf hin, wie man das Wetter hinnimmt.

Andere im Haus kamen damit nicht so gut zurecht. Ein Paar hat sie tatsächlich aus dem Haus gegrault mit ihrer regelrechten Penetranz. Naja, vielleicht waren Grejazi und ich auch einfach langmütiger.

Nachdem der eine ihrer Söhne sich totgesoffen hatte (tut mir leid, aber dafür gibt es einfach kein anderes Wort!) ging es immer weiter bergab mit ihr. Der jüngere Sohn wohnte ganz weit weg und ließ auch nie von sich hören. In Rosas Erzählungen war er der Bessere, der Tauglichere von beiden.

Tja, leider hatten wir keinen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Und eines Abends, ich war allein, weil Grejazi damals noch Wechselschicht hatte, hörte ich es oben poltern und dann Jammern. Holzböden sei dank, konnte ich sogar ihre Worte verstehen: "Ich liech' am Boden, au au!" Ich kann's heut' noch hören.

Es gab einen Herrn L. in der Kirchengemeinde, der sich um ihre Angelegenheiten kümmerte (Rosa nannte in "Ludendorff", so hieß er nicht, klang aber ähnlich, Adolf lässt grüßen ;), der war aber nicht zu Hause als ich ihn anrief. So suchte ich ihn im Gemeindezentrum auf und störte ihn bei der Chorprobe.

Er gab mir den Schlüssel und ich hob die alte Frau auf. Von da an führte der Weg unweigerlich ins Heim. Herr L. löste die Wohnung auf. Einen schönen schlichten Wasserkrug, zu dem's leider keine Waschschüssel mehr gab und einen Blumenhocker haben wir vom Sperrmüll geholt.

Dem Vernehmen nach ist sie aufgeblüht, die Rosa, in ihren letzten Lebensjahren im Heim.

Die Fliesen auf dem Hocker sehen den damaligen Badfliesen in der Wohnung der G.'s verdächtig ähnlich. Na, er war eben findig, der Herr G.


Die Herzen aus Holz hat Grejazi für mich geschnitzt in allernördlichster Einsamkeit. Die Handvoll Halbedelsteine stammt vom Amazonas und sie sind ein Geschenk.

Das unförmige Schwarz ist das meines Weckers. Die grüne Schachtel enthält meine Qui-Gong-Kugeln aus Rosenquarz. Darauf liegt mein Vajra.

Das Centstück fand ich bei meiner Ankunft in Bad Tölz auf dem Kopfsteinpflaster. Das fleckige Herz ist aus Flint und mein Gesicht war nicht nur vom Regen nass, als ich den Stein gefunden hab'.

Das Stückchen Harz, das wie ein Gargoyle-Ohr aussieht, hat mir mein Sohn J. geschenkt, da liegen auch noch Kieselsteine, die Geschenke von allen drei Kindern sind.

Die Muschel brachte mir Grejazi auf meine ausdrückliche Bitte von einer Vergnügungsfahrt an die Nordsee mit. Der lackschwarze Stein hat mich gefunden, nicht ich ihn. Auch der kleine Maulwurf ist ein Geschenk von Grejazi.

Und an der Lampe von Ikea mag ich besonders die Vorstellung, dass ich mit ihr Ball spielen könnte, ohne dass sie Schaden nähme.

Meine Bettlektüre stapelt sich unter und um Rosas Blumenhocker.

Kommentare:

rike hat gesagt…

was für eine lange und eigentlich traurige lebens-geschichte.
ich freue mich sehr, dass du sie uns erzählt hast. vielleicht das erste und einzige mal, dass jemand über rosa g. schreibt. kein schöner gedanke.
schön aber, dass du einen kleinen teil von ihr retten konntest. und wahrscheinlich doch oft an sie denkst.

und auch sonst ist dein nachttisch ja ein ort vieler erinnerungen. schöner und trauriger.


liebe grüße!
von rosa zu rosa.
rike

Sam hat gesagt…

Schön! Dein Nachtkästchen und die Geschichte, bzw. dass sie mal erzählt wird.
Ich hätte nicht Eure Geduld und Toleranz gehabt, glaub ich.

Wenn mir jemand solche Schicksale in den Sinn bringt bin ich extra dankbar für die Freiheit, die wir Weibers heutzutage haben. Unsere Mütter hatten samt und sonders ein hartes Los als Frauen. Die ganze Lebensspur mehr oder weniger in Beton gegossen und an irgendwas gekettet.

+seufz+

mondin hat gesagt…

Liebe Kvinna,

wie wertvoll, diese Kontakte mit alten Menschen. Aber nicht leicht.
Wenn sie uns ihre Geschichten nicht erzählen, wer soll's dann tun und woher sollen wir sonst erfahren, "wej's froier woar" ?
Die alten Frauen, an die ich grad denke, leben allesamt nicht mehr...

Mein Onkel hat mir in mein Mädchenzimmer auch eine Platte mit ockerfarbenen Kacheln auf ein altes Nachtschränkchen geklebt :)
Witzig, war anscheinend verbreitet.

Magst Du mir erklären, was ein Vajra ist ?

Ui, das "Schwarzmond-Tabu" seh ich da grad :) Das habe ich auch im Regal, ist schon ne Weile her, dass ich's gelesen habe.

So, mein Brot ist gleich gut.

LG Ursel

Stela hat gesagt…

Hi Kvinna,was eine schöne und traurige Geschichte!
Leider ist das Altwerden so oft ein Abbauen und immer-weniger-werden.
Mein geliebter Großvater wurde hundert Jahre alt und trotz aller
Liebe und Aufmerksamkeit die er bekam litt er sehr unter wachsender Unselbständigkeit und Einsamkeit.
Wenn ich es mir aussuchen kann will ich sterben wie die Großmutter: sie war 82 und ihr Herz blieb unten in der UBahn-Station stehen, gerade als sie die Treppe auf der anderen Seite erklimmen wollte.
Es gibt definitiv einen Zusammenhang zwischen der Art wie ein Mensch lebt und der Art wie er stirbt.
Ich werde meine diesbezüglichen
Gedanken demnächst mal zusammenfassen.
Liebe Grüsse,Stela