Montag, November 03, 2008

Ereignisdichte - oder: Keine Langweile in Sicht!

Letzte Woche Donnerstag, viertel nach zwölf am Mittag. Meine Tochter sitzt am Esstisch und macht Hausaufgaben, ihre Brüder werden innerhalb der nächsten anderthalb Stunden nacheinander heimkommen.

Da klingelt das Telefon. Paula nenn' ich mal die Frau, die mich da hochdramatisch anschluchzt; ihre Tochter ist in M.'s Klasse, ihr Sohn in B.'s: "Wir brauchen Hilfe!" Ihr Mann, ich sag' mal, "Fred", sei dabei durchzudrehen, er habe einen Termin in der Schule und sie habe Angst, was dort geschehen würde.
Die gemeinsame Tochter, ich nenn' sie Grete, hatte von der Schule aus angerufen, die Lehrerin habe sie geschlagen und Fred müsse kommen. Nun seh' ich mich wirklich nicht als Dompteurin für einen wutschnaubenden Fred und bat ihn ans Telefon. Tatsächlich, er bebte:"Die haben mein Kind nicht anzupacken..." und so weiter. Beschwichtigungsversuche sinnlos.


Erzählte mein Kind mir so etwas aus der Schule, hätte ich sicher einige Fragezeichen, aber ich war ja nicht dabei. Deshalb ginge ich sehr vorsichtig mit so einer Aussage um, erst mal ohne irgend jemanden der Lüge zu bezichtigen oder sonstwie zu beschuldigen. Bei Kindern ist das mit Schwarz und Weiß manchmal nicht so einfach, wie Erwachsene sich das denken.

Paula und Fred habe ich nun schon des Öfteren als "Drama Queen" und "Drama King" par excellence kennengelernt und Grete sowie ihren Bruder, hier heißt er Ernst, sind, sage ich ohne schlechtes Gewissen, berechnend bis durchtrieben.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: ich hege keinen Groll gegen diese Familie, bin auch nicht dafür, sie loswerden zu wollen, wie das manche hier im Ort tatsächlich wünschen. Es ist schwierig mit ihnen, aber mir tun die unglücklichen Verflechtungen in dieser Familie auch leid. Dieses Weltbild "Alle wollen uns was Böses und haben es nur auf uns abgesehen; wenn bei uns etwas schiefgeht, sind immer die Anderen Schuld oder die Umstände!" ist ja schließlich nicht vom Himmel gefallen, irgend etwas macht die Menschen zu dem, was sie sind, das kann ich nie übersehen.

Der Hinweis, die Klassenpflegschaft sei für solche Vorfälle zuständig, nützte nix:"Die kenne ich nicht, da habe ich kein Vertrauen zu!" schnaubte Fred. Ich erbat mir eine Auszeit und versuchte, die beiden Pflegschaftsvertreterinnen zu erreichen, natürlich sprach ich nur mit Anrufbeantwortern. Bei Fred und Paula war dann besetzt. Ich telefonierte mit der Schuldirektorin, um mir ein Bild zu machen. Da fuhr Fred auch schon bei mir vor.

Es gelang mir zwar, ihm klarzumachen, dass ich mich dabei sehr unbehaglich fühlen würde und mich nicht zwischen irgendwelche Stühle setzen wolle, aber der zarte Hinweis, doch erst mal in Ruhe mit seiner Tochter zu sprechen, stieß auf völlig taube Ohren. So wie ich das sehe, hatte Grete ihren Vater Fred zu diesem Zeitpunkt voll am Gängelband.

Der Witz ist ja, dass er denkt, ich sei nicht mitgekommen, weil ich befürchte, meine Kinder könnten wegen so etwas schlechtere Noten bekommen - dabei liegt mir nichts ferner als so eine Haltung. Was macht einen Menschen so misstrauisch gegen alle offiziellen Instanzen?

Na ja, der Termin in der Schule wurde dann vertagt, Fred fand es unfair, allein drei Lehrkräften gegenüber zu stehen - was ich auch irgendwie verstehen kann - aber damit war die Sache für mich nicht erledigt.


Es gibt hier am Ort einen Hansdampf in allen Gassen, der ein sehr aktiver Vater ist, jeden kennt und alles organisieren kann. Paula und Fred wandten sich nun an ihn um Beistand, weil er für sie auch schon in anderen Zusammenhängen eine Vertrauensperson war.

Tja, Hansdampf rief dann mich an und bat mich, doch zu dem neu angesetzten Termin mit zu gehen, er habe aus beruflichen Gründen keine Zeit (und das glaube ich ihm auch!), ob ich denn nicht doch...

So bin ich dann also hingegangen, ausdrücklich als neutrale Zeugin. Inzwischen hatte mein Sohn M. mir den fraglichen Vorfall ganz anders erzählt und die ganze Klasse hat nahezu einstimmig Gretes Aussage widerlegt. Auch sachlich hat sich herausgestellt, dass es gar nicht so gewesen sein kann, wie Grete behauptet hat.

Fred war nicht im Stande, zurück zu rudern oder sich zu entschuldigen, aber dass die Lehrerin Grete nicht geschlagen haben KANN, gab er schließlich knirschend zu. Meinen Mund zu halten fiel mir unsäglich schwer, ich saß wie auf heißen Kohlen, war ganz steif vor Anspannung, als wir schließlich aufstanden.

Gab es solche Dinge schon, als ICH noch zur Schule ging?

Da hat dieser Dramakönig es geschafft, vier Frauen - die Schuldirektorin, ihre Stellvertreterin, die betroffene Lehrerin und mich - voll in Atem zu halten. Ich behaupte mal, der Besonnenheit und Diplomatie von uns vieren ist es zu verdanken, dass Fred nicht noch misstrauischer und schließlich doch friedlich wurde.


Gewalttätig wäre er wohl nicht geworden, da hatte Paula in ihrer Eigenschaft als Dramakönigin am Telefon ohnehin viel zu hoch gegriffen. Aber wer weiß, ob er beim geringsten Vorwurf gegen seine Person nicht doch "zugemacht" und sich an die nächsthöhere Instanz gewandt hätte.

Ich konnte nicht umhin, ihn als wilden kleinen Jungen zu sehen, der irgendwas nicht gekriegt hat in seinem Leben. Inzwischen haben sich DIESE Wogen wieder geglättet.

Und dann ist da noch diese andere Familie, bei der ich immer so ein unbehagliches Gefühl hatte. In dieser wilden Woche, die nun vorbei ist, habe ich Dinge erfahren, wegen denen ich meinen Kindern nun endgültig verboten habe, deren Haus noch einmal zu betreten. Zu meiner sanften Verwunderung scheinen meine Kinder sehr erleichtert über dieses Verbot zu sein.

Aber an jenem Donnerstag klingelte das Telefon noch öfter: der Vater von B.'s Klassenlehrerin ist am Mittwoch gestorben, sie kam Donnerstagmorgen dennoch zum von uns Müttern unterstützten Laternebasteln in die Schule und da ich in dieser Klasse Pflegschaftsvertreterin bin, war ich ehrlich froh, die unterschriebene Beileidskarte gleich überreichen und die Anteilnahme aller aussprechen zu können -mirselbstaufdieSchulterklopf!

Also kam an diesem Donnerstagnachmittag noch ein Anruf: die Beerdigung ist ausgerechnet morgen nachmittag, also muss ich die Klassenbegleitung für den Martinszug auf die Beine stellen und hinterher die bestellten Weckmänner verteilen, während mein Ältester und einige Klassenkameraden zum Landschaftspark Nord gefahren werden müssen, weil sie dort eine Nachtwanderung machen.

Nur gut, dass Grejazi erst ab Ende der Woche Rufbereitschaft hat und diese Fahrt übernimmt.

Diesen Donnerstag, der an Aufregung wirklich den Höhepunkt der Woche darstellte, habe ich dann mit einem abendlichen Whiskytasting, meinem zweiten, beendet, bei dem ich mir auch eine feine Flasche der schottischen Destillerie "The Balvenie" gekauft habe, die leider nicht reduziert war, weil sie an diesem Abend nicht verkostet wurde...

Samstag musste M. mit Klassenkameraden einen Steinzeitspeer mit einem Hühnerknochen basteln. Natürlich hat er einmal mehr zu spät mitgeteilt, was er braucht, genau wie die beteiligten Mädchen.

Was mache ich gutmütige Mutter also, da die Läden geschlossen sind und keiner eine Hähnchenkeule in Reserve hat? Mit meiner Freundin M., bei der ich meine Hühner halte, eine am Morgen verstorbene Legehenne ihres Bruders wieder ausgraben und dem Tier - unter meinem stillen Dank! - die entsprechenden Knochen entnehmen. Wie passend, einen Tag nach dem Gruselfest! ;) Nuja, ich hab' bei so etwas keine Berührungsängste und empfinde auch keinen Ekel.


Gestern früh ist Grejazi dann mit unseren Söhnen zu unchristlich früher Zeit nach Dinslaken gefahren, weil der Älteste dort ein Handballspiel hatte, während ich mit unserer Tochter "mal eben" das Kirchencafé im Gemeindezentrum geschmissen habe. Viel Arbeit, aber auch immer sehr gesellig. Schön war dann auch am Nachmittag der Ausflug zum Schiffshebewerk Henrichenburg, weil ich keine Lust hatte, bei schönem, trockenem Herbstwetter ins Legohaus in Duisburg zu gehen. Letzteres heben wir uns besser für richtig schlechtes Wetter auf, obwohl es dann NATÜRLICH rappelvoll sein wird.

Und was soll ich sagen? Drei Autos haben auf der 70-km-Rückfahrt - gute Güte, waren die Autobahnen voll!! - versucht, mir in den Kofferraum zu kriechen. Unerlaubter Weise habe ich, als sie so nahe waren, dass ich ihre Scheinwerfer nicht mal mehr durch das Fischauge im Heckfenster sehen konnte, KURZ die WARNblinkanlage eingeschaltet.

Da blieben sie dann zurück.
Schließlich muss ich nicht panisch Platz machen und womöglich die Autos auf der rechten Spur schneiden, nur weil jemand hinter mir unbedingt schneller fahren möchte als die von mir präferierten 140 km/h!!! Is' jedenfalls meine Meinung.

Müde war ich dann und bin zu Hause gleich ins Bett gegangen...

Und diese Woche fängt auch schon wieder völlig bekloppt an, ich kann's nicht anders nennen...

Kommentare:

Sam hat gesagt…

Hihi...
Du bist also schon mal im Paula+ Fred- Stück aufgetreten, sei Dir sicher: Sie werden Dich wieder engagieren:)

kvinna hat gesagt…

Tja, in DIESER Inszenierung ist die ganze Schule aufgetreten und der halbe Ort - zumindest all' diejenigen, die Kinder im Alter von Grete und Ernst haben.

Seit ich einen Namen habe für Menschen, die sich so verhalten, nämlich sich als "Dramaking and -queen" aufführen, sehe ich bedeutend klarer.

Es in Worte fassen zu können, was mir vorher nur so ein diffuses Unbehagen verursachte, macht es leichter. So wie Licht in dunklen Ecken die dort hausenden Gespenster eliminiert, if you know, what I mean!

Eine ganze Klasse ins Verhör nehmen zu müssen, um der Wahrheit näher zu kommen ist eine undankbare, knibbelige Aufgabe, um die ich unsere wackere Schuldirektorin wahrhaft nicht beneide.

Kinder haben geweint, weil sie Angst hatten, dass ihre Klassenlehrerin nun von der Schule fliegt.

Die Gerüchteküche brodelt.

Paula kenn' ich ja nun schon ca. 5 Jahre, sie war sehr unterhaltsam anfangs, aber als ich sie näher kennenlernte, wurde es mir zu anstrengend mit ihr und ich habe mich sachte zurückgezogen.

Gab ich ihr den kleinen Finger, nahm sie den ganzen Arm bis zum Brustbein. Irgenwann erteilte ich ihr einen Schuss vor den Bug, schließlich bin ich keine Betreuerin. Seitdem ging's, ich hielt sie auf Abstand.

Fred lernte ich erst kennen, als Paula mir bereits einigermaßen suspekt war. Aus irgendwelchen Gründen halten die beiden große Stücke auf mich, das hindert mich aber nicht daran, sie zu meiden, wo es geht - so höflich wie möglich.

Sollten sie nach dieser Geschichte wieder aufdringlicher werden, muss ich meinerseits wohl deutlicher sprechen.

Stela hat gesagt…

Danke für die Erkenntnis mit den Dramaqueens und -kings.
Hab selbst so einen zu Hause und weiß nicht,wie oft ich schon auf diese Art von Inszenierungen reingefallen bin oder mindestends mir den Tag verderben oder Energie rauben lassen habe.
Ich glaub wenn wir diesen Stoff zum Erstellen eines Drehbuchs für ein Soap-Spektakél niederschreiben würden könnten wir echt Erfolg haben.
Ich bin schon zufrieden,wenn ich mein Leben manchmal aus einer etwas distanzierteren Warte aus beobachten kann...
Liebe Grüsse ,Stela