Mittwoch, Januar 28, 2009

ERBARMEN IST UNBEQUEM

Als ich realisiere, was ich da gesehen habe, bin ich schon zweihundert Meter weiter; ich zögere, dann wende ich; eine riesengroße Ratte sitzt auf der Trennlinie zwischen Fahrbahn und Pannenstreifen der Bundesstraße, auf der ich gerade nach Hause unterwegs bin.

Ich halte vielleicht zwei Meter vor dem Tier, das sich nicht wegbewegt.

Einen Moment bleibe ich im Auto sitzen. Das Kind fragt. Ich erkläre.

Steige aus. Das Tier sitzt mit dem Rücken zum Auto. Es reagiert nicht auf Geräusche, noch auf mein vorsichtiges Annähern. Es ist riesig und steht gut im Futter, wiegt bestimmt ein Pfund und mehr.

Blut läuft ihm aus Nase und Maul, der Schwanz ist verletzt, es ist vollkommen apathisch. Ungeachtet des regen Verkehrs hock' ich mich hin und seh' ihm in die Augen. Da scheint nichts mehr zu sein, kein Funken, kein Wille.

Langsam trete ich neben mich.

Ich hole das Notwendige aus dem Kofferraum, kehre zurück. Der Biss in mein Daumengelenk ist kräftig, aber der Handschuh ist stabiler. Kein Laut, und die Gegenwehr scheint nur pro forma zu geschehen, lustlos.

Dann liegt sie still und entspannt, ich bette sie ins Gras. Allemal würdevoller als ein blutiger Klumpen an irgendeinem Autoreifen...

Und die Frage, ob das die einzige Lösung war, bleibt bei mir.

Kommentare:

waldviertelleben hat gesagt…

du bist mutig. hast meine volle hochachtung.

Stela hat gesagt…

Meine auch.Zweimal warst du mutig:
als du nochmal gewendet hast, obwohl es ganz einfach gewesen wäre:"schon vorbei" zu sagen und das zweite mal als du das Tier -sehr umsichtig und bewußt-erlöst hast.
Stela

Sam hat gesagt…

Wie hast Du sie getötet?

kvinna hat gesagt…

Ich hab' doch die abnehmbare Anhängerkupplung im Kofferraum liegen. Die hat Gewicht: schnell am Schwanz fassen und noch schneller zuschlagen. Minimiert den Stress auf beiden Seiten.

Sam hat gesagt…

Toll. Deine Nerven hätt ich gern!

kvinna hat gesagt…

Die hab' ich auch durchaus schon mal verloren - als ich, mit dem Auto unterwegs, vor einer Katze anhielt, die offenbar einen Zusammenstoß mit einem Auto hatte.

Ich habe mir buchstäblich die Haare gerauft, weil ich nicht entscheiden konnte, was angesichts des zuckenden Körpers richtig sei.

Schließlich hob ich sie auf und da starb sie, bevor ich sie wenigstens ins Gras legen konnte.

Später habe ich mir immer gesagt, dass sie wenigstens nicht allein war beim Sterben.

Die Vorstellung, dass sie vielleicht gestorben ist, WEIL ich sie aufhob, ging mir noch lange nach, aber wahrscheinlich war das nicht so.

Verstehst du? Das Allerschlimmste ist immer, die Entscheidung zu treffen und mir dabei im Klaren zu sein, dass ich die Folgen in jedem Fall tragen muss.

Sam hat gesagt…

Ja, ich versteh.
Ich hätte eher die Skrupel, noch mehr Schmerzen zu verursachen.
Weniger ethische.
Kurz und knapp: Ich bin zu feig.

Trudy hat gesagt…

RESPEKT, RESPEKT, RESPEKT !!!

Sylke hat gesagt…

Hat du gut gemacht-in beiden Fällen!
LG, Sylke

Anonym hat gesagt…

yeah du bist großartig
lg birgit