Donnerstag, Februar 19, 2009

Zu kurz gedacht...

Eigentlich könnten die Kinder allein zur Schulbushaltestelle gehen, inzwischen haben sie die etwas knifflige T-Kreuzung, die sie dazu überqueren müssen, ganz gut im Griff. Aber die Chance auf den ersten Erwachsenenkontakt des Tages und zudem die allererste Börse für schulrelevante Informationen lasse ich mir dann doch nicht entgehen.

Andererseits nervt mich das oberflächliche, politisch korrekte Gewäsch manchmal mehr als sonst. Das allgemeine Geschrei nach dem Staat, wenn wieder mal irgendwo ein Kind totgeprügelt wurde oder einfach nur verhungert ist, geht mir mächtig auf den Geist und war jüngst Anlass für einen beinahe echten Krach innerhalb der wartenden Elternschaft.

Denn eingreifen muss der Staat ja immer nur bei den Anderen. Ich möchte die Schreihälse sehen, wenn das Jugendamt bei ihnen kontrolliert, ob ihre Kinder genug frische Luft bekommen und auf welche Art und Weise sie ernährt werden. Denn darauf läuft es hinaus.

Diese Naivität, es ja gut zu meinen und allein deshalb alles richtig zu machen mit der eigenen Brut und überhaupt im Leben, erschüttert mich zutiefst. Dieser einfältige Glaube, selbst keine Freiheit einbüßen zu müssen, um (dem Etikett nach!!!) mehr Sicherheit zu haben, der macht mich manchmal sprachlos.

Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht mir hier nicht um verprügelte oder verhungerte Kinder, sondern mehr darum, dass mir die allgemeine Haltung mächtig auf den Senkel geht. Die Vorstellung, dass es eine übergeordnete Kraft gibt, die für das eigene Leben verantwortlich ist. Dass gegenüber dieser Kraft ein Anspruch besteht, die Welt gefälligst in den Zustand zu versetzen, der den Bilderbüchern der Kindheit entspricht.

Für unsere eigene heile Welt müssen wir selbst sorgen. Und eine absolute Sicherheit kann keiner geben, nicht mal der Staat, nicht mal, wenn er neben jeden Bürger einen stellt, der ihn überprüft und gängelt.

Soviel ist sicher: dass nämlich gar nichts sicher ist.

Auf einem Bauernhof haben viele verschiedene Tiere herumzulaufen und glücklich zu sein - selbstverständlich sollen dennoch genug billige Eier und reichlich preiswertes Fleisch in den Regalen der Supermärkte liegen.

Lebensmittel müssen gesund und ausgewogen, aber trotzdem billig und vor allem sehr bequem zuzubereiten sein. Nehmen wir nur mal die Plastikflaschen mit Pulver drin, aus dem unter Zugabe von Wasser und mittels kräftigem Schütteln - voila! - ein Pfannkuchenteig wird. Selbstverständlich nahezu unbegrenzt haltbar und trotzdem ohne Chemie.

Jut, das ist jetzt ziemlich der Gipfel. Aber was glaubt der Homo konsumensis denn, warum sein Supermarktbrot so lange frisch bleibt oder die Tomate über Wochen nicht runzelt? Das geht nicht erst seit gestern so und ist keine Zukunftsmusik.

So gesehen amüsiert mich der allgemeine "Enthüllungsjournalismus", den manche Internetter betreiben, eher nur. "Stell' dir mal vor, dieser Konzern gehört in Wahrheit zu...", "Jener macht doch tatsächlich Geschäfte mit diesem...".

Arbeitgeber haben selbstverständlich den Gewinn genauso scharf im Blick wie das soziale Wohlergehen ihrer Untergebenen. Klar. Die Lebensmittelindustrie will ja wirklich nur unser Bestes...

Liebe Gesellschaft, wie naiv bist du denn?

Plötzlich isser gar nicht mehr so toll, der Kapitalismus. Denn, huch, da sind ja unangenehme Auswüchse.

Ein Werk ist nicht mehr modern genug, schwupp, wird eine Region arbeitslos und die Chefs bauen im Osten eine neue Produktionsstätte, womöglich mit Wohnraum, Kindergärten, Krankenhäusern - bis dann in zehn Jahren die Produktionsstraßen für die neuere Unterhaltungselektronik (!!!) wiederum zu alt sind...

Wir sind die Generation, die zu spüren bekommt, wo es hinführt, das mit den komfortablen Konsumgütern. Unsere Eltern, die im oder kurz nach dem Krieg geboren wurden, haben erlebt, dass es endlich wieder was zu Beißen gab, dass es endlich bergauf ging, Stichwort "Wirtschaftswunder". Deren Eltern wären niemals auf den Gedanken gekommen, den Kapitalismus, das allgemeine Streben nach Fortschritt und Aufbau in Frage zu stellen. Das bleibt uns überlassen, die wir am eigenen Leib erleben, wo's schließlich hinführt.

Und was ist? Erstauntes Augenreiben, empörtes Aufwachen...

Wieviele Bäume muss ich tatsächlich ansehen, um zu glauben, dass ich wirklich im Wald stehe?

Und trotzdem - weder die Information noch die Gegeninformation ist verlässlich. Keine Nachricht kann ich bis ins Letzte auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Das wäre uferlos und ich brauche meine Energie wirklich für Anderes.

Ich sehe nur - nachdem ich aus Neugier mal einen Kontrolling-Kurs für Erziehungsurlauber (damals hieß das noch nicht Elternzeit!) belegt habe umso deutlicher - dass sich mit einer Zahl eine Tatsache und genauso problemlos ihr Gegenteil beweisen lässt.

Ha! Vonwegen Wissenschaft - wir wissen, dass wir nichts wissen, so sieht's aus!

Also glaube ich nicht mehr allzuviel und kann nicht anders, als angstfrei in den Weltenlauf zu vertrauen. Nach solchen Auseinandersetzungen wie letzthin an der Schulbushaltestelle springt mich gelegentlich ganz plötzlich das orgastische Gefühl an, dass ich in allem bin und alles ist in mir.

P.S.: Eigentlich bin ich ja mehr dafür, was mich bewegt, kurz und knackig auf den Punkt zu bringen. Aber das hier ist in seiner vollen Länge einfach mal so aus mir 'rausgeflossen. Also nehmt es oder lasst es.

Kommentare:

Stephanie hat gesagt…

Folgender Fall ist mir zu Ohren gekommen und passt hier irgendwie hin:

Eine junge Familie, Mutter, zwei Kinder und ein Vater hatten einst Zoff mit einer nahen Verwandten (eine unspektakuläre, aber komplizierte Geschichte). Nachdem sich diese seit etwa einem halben Jahr nicht gesehen hatten, schien es für diese Verwandte ein guter Einfall zu sein (zwecks später Rache?) das Jugendamt anzurufen und eine Vernachlässigung der Kinder anzuzeigen.

Daraufhin machte das Jugendamt die Familie ausfindig, denn diese war inzwischen umgezogen, was der Anzeigerin bisher entgangen war. Als unangekündigter Besuch stand also eines frühen Abends eine Mitarbeiterin des Amtes vor der Tür und bat um ein Gespräch.

Die Dame vom Jugendamt saß dann in der Küche, sah der jungen Mutter beim Kochen zu und ließ sich die familiäre Hintergrundstory vom Vater der Kinder erläutern. Dann ging sie wieder, ohne einen Blick auf die in einem anderen Zimmer spielenden Kinder zu werfen.

Was genau sollte da eigentlich vom Jugendamt überprüft werden, das frage ich mich?

Und so ist es mit all den anderen Dingen, die du hier so treffend beschreibst, liebe Kvinna.

Mir scheinen immer, die diversen Eingriffe von Seiten des Staates oder Reformen oder Gesetzesänderungen mehr ein Herumdoktern an den Symptomen, wenn nicht gar ein gleichzeitiges Verschleiern der wahren Zusammenhänge zu sein.

Und das ohne einen wirklichen Blick auf die Betroffenen zu werfen…

Gruß Stephanie

Stela hat gesagt…

Liebe Kvinna,
aus diesem Grunde geh ich solchen Gesprächen eigentlich seit langem aus dem Weg.
Und daher ist mein Leben manchmal etwas einsam.
Die meisten Leute sind weder in der Lage ihren eigenen Augen und Ohren zu trauen noch einen Gedanken konsequent zuende zu denken.
Diskussionen sind sinnlos-rauben mir die Energie.
Manchmal hör ich zu ,weil ich wissen will ,wie weit meine Realität mit ihrer dekungsgleich ist.
Und manchmal, wenn ich so eine unerträglich dumme Unterhaltung z.B.an der Kasse vor mir mithören muss,dann mach ich eine treffende und unverschämte Bemerkung,die vielleicht zum Nachdenken anregt-
aber diskutieren tu ich nie!
Liebe Grüsse,Stela

Sam hat gesagt…

Diese Petition für ein Grundeinkommen halte ich für das Krönchen des Abhängigkeitswillens.
Aber wenn wir nicht alle solche Schafe wären gäbs diese Strukturen, die Du beschreibst, gar nicht!

Besser wärs, Ratgeber und Lebenshilfebücher- Weitschmeissen einzuführen als neue Sportart.

365 Tage hat gesagt…

Ach - die Illusion der Unabhängigkeit? Wir hängen doch alle, von dem Moment wo wir geboren werden und eine Steuernummer verpasst kriegen.

Trudy hat gesagt…

Kvinna, gut hast du`s rausgelassen.
Ich mag aber nicht nachdenken, bringt ja nichts, stecke lieber den Kopf in den Sand.

kvinna hat gesagt…

Nein, ich bin eben überhaupt gar nicht der Ansicht, dass der Staat die Pflicht hat, in jedes Kinderzimmer zu schauen.

Ich habe Grejazi gefragt, was er meint, was eigentlich das Beste ist bei solchem Gewäsch: die Ohren auf Durchzug zu stellen (möglicherweise auch, in dem ich solchen Gesprächen ganz aus dem Weg gehe) oder jedesmal eine Diskussion vom Zaun zu brechen mit der Möglichkeit, wieder völlig frustriert an tauben Ohren aufzulaufen. Sein weiser Rat: "Je nach Laune!" Stimmt.

Dem Zu-Ende-denken werde ich mich jedenfalls nicht mit Vogel-Strauß-Politik versperren. Denn Bangemachen gilt nicht.

Das mit dem Mindestlohn, darüber habe ich jetzt lange nachgedacht. Das Handelsgut des Arbeitnehmers ist seine Lebenszeit und seine Arbeitskraft.

Wenn er die aufwendet, müsste er davon leben können. Die andere Seite ist aber, dass für Arbeit nur soviel gezahlt wird, wie sie wert ist. Denn sonst funktioniert ja die Wirtschaft nicht.

Also damit bin ich nun noch nicht ganz durch.

Und eine NUMMER, die sie das ganze Leben lang begleitet, kriegen doch die Schweden bei der Geburt? STEUERNUMMERN gibt's doch in Germany erst mit Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, also mit Beginn der Steuerpflicht??

Steuernummer ab Geburt? Meine Kinder haben noch keine, soweit ich weiß?! Oder?...

kvinna hat gesagt…

Tatsächlich, seit letztem Jahr August gibt's des. Ich erinnere mich auch gerade an drei Briefumschläge...

Kristallina hat gesagt…

Liebe kvinna,
da ich in Schweden lebe muss ich mich an dieser Stelle mal einklinken, da es um diese Nummer in Schweden geht.

Ja, jeder Schwede bekommt schon bei der Geburt diese Nummer. Hier gibt es weder Steuernummern noch Versicherungsnummern, sondernn nur diese ID-Nummer.

Ohne ID-Nummer kein Arzt, keine Arbeit, keine Bank, rein gar nichts. Dann existierst du nicht in diesem Lande.

kvinna hat gesagt…

Hallo Kristallina,
na, wie du siehst, gibt's das jetzt in Deutschland auch. Wenn auch erst seit so kurzer Zeit, dass ich das noch gar nicht verinnerlicht hatte.

Was mich interessiert: Gibt es in Schweden noch immer diese Bücher, in denen jeder Bürger eines bestimmten Gebietes mit seinem Jahreseinkommen öffentlich gemacht wird?

Anonym hat gesagt…

ach kvinna
komm her und lass dich umarmen
ich gehöre zu denen die unangemeldet in küchen sitzen und lebensgeschichten hören
allerdings schaue ich seit einiger zeit in jedes zimmer falls doch ein verhungerndes wesen irgendwo sitzt
solange für die toten kinder das jugendamt verantwortlich gemacht wird

in supermärkten und bussen zähle ich bis zehn und lasse mich nicht auf diskussionen ein

ich freue mich immer wieder von menschen zu hören die verantwortung für sich und ihr tun übernehmen
manchmal denk ich an der arbeit es gibt sie gar nicht mehr...
lg birgit

kvinna hat gesagt…

Liebe Birgit,

ich fühl' mich umarmt ;) und beneide dich nicht. Der kleine Vorfall an der Schulbushaltestelle war zwar nur ein Aufhänger - denn nicht nur Eltern denken nicht zu Ende - aber ich glaube trotzdem, dass dein Hadern eine Frage der Perspektive ist.

Wenn dich das trösten kann, dann führ' dir vor Augen, dass dein Menschenbild stark von deiner Arbeit geprägt ist - ganz bestimmt! Und so gibt es viele, viele Küchen, die du nie betreten musst und daher auch nicht siehst. Hoffe ich.

Denn wenn ich Menschen suche, die so ticken wie ich, dann finde ich die auch.

Wenn auch nicht unbedingt an Schulbushaltestellen!

Also, halte durch!