Donnerstag, Juni 25, 2009

Jetzt reicht's!


Irgendwie hatte ich in den letzten Monaten und Jahren das Gefühl, völlig kraft- und wehrlos allmählich zu fallen, immer tiefer und ganz ohne Halt.

Ich habe mich wund und hilflos gefühlt.

Ich war so deprimiert, dass ich teilweise vor einem Korb voller schrankfertiger Wäsche saß und mir sowohl die psychische als auch die physische Kraft gefehlt hat, diesen Korb nach oben zu den Kleiderschränken zu tragen.

Gleichzeitig fühlte sich das an, als warte ich auf etwas. Als könnte ich mich nicht aus meiner Erstarrung befreien, bevor nicht etwas ganz Bestimmtes noch passiert sei.


Anscheinend ist das nun eingetroffen. Die Füße am untersten Boden angekommen, kann ich mich nun endlich wieder auseinanderrollen und aufrichten.

Konkret: das ganze letzte Schuljahr war eine einzige Quälerei und nun, wo es fast vorbei ist, haut mir J. noch einen Hammer nach dem nächsten 'rein.

Krönung: Gestern stellte ich fest, dass er den freiwilligen Gottesdienst in der Schule schwänzt und sich stattdessen in der Pausenhalle mit seinen Kumpels zu Kartenspielen (Gamecards, nicht Mau-Mau oder so) trifft.

Ich hätt' ihn schon nicht gezwungen, zum Gottesdienst (eigentlich ist das nur so eine Art besinnliches Beisammensein) zu gehen und wenigstens ist er nicht in der Stadt herumgestreunt.

Bleibt aber die Lüge.

Dummerweise habe ich ihm das Geständnis entlockt, indem ich ihm erzählte, dass ich das früher auch gemacht habe. Allerdings erst ab der achten Klasse. Da versucht der Bursche doch tatsächlich, sich auf diesem Weg zu rechtfertigen. "Mein lieber Freund, ich bin schon erwachsen, aus mir ist schon was geworden! Du musst dich erst noch bewähren. Weder dir als Fünftklässler noch sonst einem meiner Kinder
steht solch' eine Eigenmächtigkeit und Respektlosigkeit zu!"

Nun werde ich ihn die letzten paar Schultage hinfahren, bis zum Klassenraum begleiten und ihn dort mittags wieder abholen. Seine Klassenkameraden grinsen schon (wenn mich der Teufel reitet, werde ich ihm auch noch "Tschüß, mein Schatzi!" zurufen, bevor ich geh').

Heute morgen habe ich ihm schon vorgerechnet, dass er von uns eine Busfahrkarte bezahlt bekommt, die aber nun für diese Tage vergeudet ist und ich Benzin und Zeit verbrauche, um ihn zu kutschieren. 5km ist der Weg mit dem Auto lang, das Auto braucht bis zu dreizehn Liter auf 100km, das kann er ausrechnen und vom Taschengeld bezahlen. (Oder mit Unkraut jäten u.ä. abarbeiten, wär' doch wohl gelacht.)

Die aufgwendete Zeit schenke ich ihm. Bin ich nicht großzügig?


Und ich werde die weiteren zu erwartenden Konsequenzen NICHT ankündigen und ausformulieren. DAS könnte dann nämlich im Anwendungsmoment zu haarspalterischen Diskussionsversuchen führen und diskutiert habe ich nun fehlerhafterweise satt und genug!

Aber diese Geschichte ist ja nur die Krönung, wie gesagt. Gestern bin ich dann mal aus dem Hemd gesprungen, die Kinder haben runde Augen gemacht.

Ha! Ich freu' mich schon auf die Ferien!

Die 180°-Wende hat sogar der Rechner gespürt: Heute morgen ist er AUF DER STELLE angesprungen (statt, wie sonst üblich, nach dem dritten oder vierten Neustart)!

Kommentare:

Sylke hat gesagt…

Kvinna-das hast du guuut gemacht!
hau mal richtig auf den Tisch, epressionen haben auch viel mit verdrängter Wut zu tun.
Wut, die man sich nicht getraut auszuleben.
Ich wünsch dir weiter viel Kraft und Mut beim Auseinander-rollen.

kvinna hat gesagt…

Wie gesagt, diese letzte Lüge, die für sich allein ja noch irgendwie verdaubar wäre, war die Krönung, das Tüpfelchen auf dem I!

Und insgesamt habe ich das Gefühl, dass ich mir Zähne und Krallen wachsen lassen muss, nicht nur den Kindern gegenüber.

Sylke hat gesagt…

Ich halte das für eine sehr gesunde Entwicklung!
Bleib dran!

Trudy hat gesagt…

Einfacher wäre es vielleicht mit ganz, ganz braven und schüchternen Kindern.
ABER aufregender und spannender halt mit fantasievollen, experimentierenden Kindern.
Aber deine Müdigkeit kann ich momentan SEHR gut verstehen. Jedenfalls bin ich froh, dass nächste Woche nur noch 2 Hunde da sind, denn meine Gegenwärtige Aufgabe zerrt ganz schön. Gestern bin ich schon abends um 20 Uhr eingeschlafen!!!
Halt die Ohren steif Kwinna. Es kommen immer wieder bessere Zeiten, wo alles rund läuft. Das wünsch ich dir auf jeden Fall.

Anonym hat gesagt…

Das arme Kind!
Eine frustierte Mutter, die nicht in der Lage war, ihre eigenen ungelebten Anteile zu leben - projiziert ihre eigene Unfähigkeit auf´s Kind, verlangt von diesem eine korinthenkackergemäße Erwachsenen-Perpektive und unterstellt ihm dazu gravierende Fehler in Form von Lügen - gleichzeitig eingestehend, daß sie selbst als Kind kindgemäß gehandelt hat - nämlich hier und da mal Notlügen benutzt hat.
Das Kind soll sich erst noch im Leben bewähren ... wie die "erwachsene Mutter, die das schon getan hat" und doch scheint sie nichts vom Leben verstanden zu haben ... ja leck mich inne Täsch, merkst du gar nicht, was du da für ein krankes Serum in die Blutbahn des Kindes impfst! Dafür dann auch noch Zustimmung von den Mütter-Kolleginnen aus der Bloggrwelt.

Zeit für die Mutter, ihre eigenen ungelebten Anteile sich selbst gegenüber einzugestehen und zu sehen - aber ganz sicher keinerlei Rechtferigung, den eigenen Frust den Kindern anzulasten - dazu noch erbsenzählend und korinthenkackend. So berechnend wie diese Mutter - ist kein einziges Kind dieser Welt.
Haben solche Menschen die Wunden vergessen, die ihnen einst selbst in ihre Seelen geschlagen wurden - von gescheiterten "Erwachsenen"?

kvinna hat gesagt…

Liebes Anonym,

was mich an der Geschichte so erschreckt hat, war zweierlei: zum einen, dass mein Kind einerseits offenbar Angst hat, mir zu sagen: "Ich find' das doof, ich geh' da nicht mehr hin!" (was mich selbstverständlich ganz furchtbar an die grauenhafte Angst vor meiner eigenen Mutter erinnert hat - solche Wunden werden nun einmal aufgerissen, wenn der Mut da ist, selbst Kinder zu kriegen)- und zum anderen, dass er es mir möglicherweise doch gesagt hat und ich, wie so oft, nicht zugehört habe.

Jenseits des eigenen Schreckens muss ich aber endlich aufhören, so "larifari" und "wischiwaschi" zu sein, denn meine Kinder brauchen eine Mutter, auf die sie sich verlassen können, deren Reaktionen hundertprozentig kommen.

Mit meinem ständigen "Mach' mal dies und so und so, oder neee, vielleicht doch nicht oder anders" richte ich viel Schlimmeres an.

Erziehung ist eine Gratwanderung und fordert ständig, sich selbst in Frage zu stellen. Aber das kann nicht bis zur Selbstauflösung gehen.

Ich traue meinen Kindern zu, zu begreifen, dass ich meine Grenzen habe.

Und, wie gesagt, diese Lüge, die nun einmal eine war, eine ist und eine bleibt, war nur das Tüpfelchen auf dem i, der Gipfelpunkt einer sehr unguten Entwicklung auf beiden Seiten.

Anonym hat gesagt…

ohje
ich kann mich noch gut an diese müdigkeit erinnern und
die verzweiflung dass ich doch eine familie und kinder gewollt habe und jetzt mit arbeit haushalt und kindern so entsetzlich müde wurde
dafür habe ich mich so geschämt und nichts davon erzählt so dass ich nicht mitbekam dass um mich herum lauter frauen in diese müdigkeit gestürzt sind
nach aussen haben wir die fassade hochgehalten
wie gut dass du jetzt den weg da heraus findest
kann es sein dass j. ein minimalist ist und immer den weg des geringsten widerstandes geht?
ich denke nicht dass er angst vor dir hat er hatte keine lust auf diskussionen und wollte lieber was mit den kumpels machen
aber nun erlebt er dass er bei dir eine grenze verletzt hat
und muss sich damit auseinandersetzen
das heisst gleichzeitig dass es dich interessiert was er macht
dass du ihn nicht gleichgültig neben dir herleben lässt
das ist was kinder brauchen
egal dass andere da andere grenzen haben und anderes wichtig finden
er ist in einem alter in dem er anfängt sich zu entziehen
gut die grundlage zu schaffen weiterhin in kontakt zu bleiben

ich wünsche mir heute manchmal ich wäre damals gelassener gewesen und vor allem nachsichtiger mit mir
aber wenn ich das bei dir lese
denke ich es geht wohl nicht

ich wünsch dir ganz viel gelassenheit und kraft
liebe grüße birgit

Anonym hat gesagt…

Also, vielleicht war mein Kommentar etwas emotional-einseitig, der von Birgit ist jedenfalls sehr einfühlsam und dem kann ich mich auch sehr gut anschliessen. Was ich meinte: Kinder sind Kinder und sollen es auch sein dürfen - ohne, daß jemand "Erwachsenenmaßstäbe" anlegt und sie damit gnadenlos überfordert. Die zeigefingererhebenden "Erwachsenen" wissen es schließlich nicht wirklich besser und haben genug damit zu tun, sich gut um sich selbst zu kümmern.

kvinna hat gesagt…

Liebe Birgit,
danke, ja, du sagst es genau wie es ist: was das WIRKLICH in letzter Konsequenz bedeutet, Familie zu haben, das kann sich keiner ausmalen, der nicht schon mittendrin steckt. Wie auch immer es sich je ein Mensch vorstellt: es ist garantiert ganz anders.

Liebes Anonym,
es geht nicht um Belehren und Besserwissen. Es geht darum, dass Vertrauensbruch Folgen hat. Um nicht mehr und nicht weniger. Wenn ich etwas beschädige, muss ich auch dafür aufkommen, egal, ob es um Materielles oder Immaterielles geht.

365 Tage hat gesagt…

"wenn der Mut da ist, selbst Kinder zu kriegen" - den Mut hatte ich nicht und bewundere euch Mütter. Daher bin ich total unqualifizert zu kommentieren, nur eins - vergiss dich selbst nicht.