Samstag, November 07, 2009

Blaubeuren

Die Fahrt war ein bisschen schweißtreibend gewesen; nicht nur wegen des wunderbaren Wetters, sondern auch, weil baustellenbedingt selbst am Sonntag einige Staus zustande kamen.
Da war ich dann mal wieder relativ abgenervt kurz vorm Ziel und in den Serpentinen vor dem Ortseingang so wahnsinnig, ein Auge in die Karte zu werfen. Ein sattes "Rrrrumms!" holte meinen Blick umgehend wieder nach vorn: weia! Ausgerechnet mit Grejazis Liebling war ich nun saftig gegen den Bordstein geknallt.

Später stellte sich heraus, dass das Scharnier des rechten Scheinwerfers - der kleine Elch hat nämlich Schlafaugen - durch diesen Anprall gebrochen war. Die Felge war wunderbarer Weise völlig unbeschädigt. Aber bei Ankunft ließ ich erst mal Auto Auto sein und traf die Vermieterin vor dem Haus.
Da Sam noch im Anflug war, packte ich nach der Begehung und Schlüsselübergabe erst mal mein Zeug in den Aufzug - tatsächlich, den gibt's in diesem uralten, sanierten Fachwerkhaus! - und wählte den Schlafraum zur Blau hin. Sam war später ganz zufrieden mit ihrem Zimmer ^^.

Eine der vielen Schlafmöglichkeiten auf der Galerie - die Sam und ich aber gar nicht nutzten.

Der Wohn- und Küchenraum ließ keine Wünsche offen.



Die Schimmelmühle gleich nebenan: während meiner Woche unter den Schwaben sah ich quasi an jedem Rinnsal ein Mühlrad... ein missverstandenes Toastbrot habe ich hier vollständig und mit großem Vergnügen an die zahlreichen Forellen verfüttert.

Sam entdecke diese Höhle gleich bei Ankunft, ging aber spinnen- und rußbedingt nicht hinein. Kinder taten ihr dann nach einigen Tagen den Gefallen, zu inspizieren und zu berichten... hier parkte auch Sams schicke weiße Vespa "Wölkchen".

Dieweil der kleine Elch hier gleich an der Haustür stand, vielleicht zwanzig Meter von dem Höhlchen entfernt.

Das vollständige Blau passte immer nur sehr schwer auf's Bild. Übrigens hatte der Himmel die ganze Woche dieselbe Farbe wie der Topf. Besseres Wetter wäre gar nicht möglich gewesen. ;)

Sehr schön fand ich es auch, hier mit hochgelegten Füßen ein kaltes Bier zu genießen und auf den Überlauf zu sehen. Im Gegensatz zu den Bayern wissen die Schwaben auch, was ein richtiges Pils ist. Zwei ältere Herren am Nebentisch mokierten sich, dies sei ein "Grüntopf". Ich habe es geschafft, meinen Mund zu halten!

Ein Teil der ehemaligen Klosteranlage. Diesen Blick hatten Sam und ich von dem Gasthof aus, der Einzelzimmer - ich glaube sogar, mit Frühstück - für 20 Euro die Nacht anbot. Nur leider waren im fraglichen Zeitraum nicht genug davon frei. Dafür war hier das Essen ganz ausgezeichnet. Ha! Und der Handkarren gehört einem STRAßENKEHRER. Den gibt's hier offenbar ebenso immer noch wie die weiß-/buntbekittelte ältere Dame, die VOR IHRER EIGENEN TÜR KEHRT.

Im "Schöne Lau Shop" gleich daneben habe ich mir MEIN Souvenir gekauft. Vielleicht stell' ich noch ein Bild davon 'rein ;)

Tja, die Kapelle innerhalb der Klosteranlage birgt allerlei kunsthandwerklich Beeindruckendes. Aus dem Zierrat rechts ist sicherlich beim Bildersturm die Figur entfernt worden. Die sehr große, ortsbeherrschende Klosterkirche vermittelt im Innern dagegen die Atmosphäre einer Schulaula: da ist nur noch Weltliches 'drin zu sehen.

Ein Teil der Klosteranlage: ganz Blaubeuren strahlt noch Mittelalter aus. Fachwerk allerorten.

An einem Tag bin ich ungefähr zum Rusenschloss gelaufen. Ohne richtig in die Karte zu gucken und ohne ordentliche Beschilderung. Ich folgte ein wenig der Blau, ich fragte. Kam durch Wohngebiet, sicher nicht der "Touristenweg", aber ich kam an und mir gefiel's. Eine Schulklasse überholte ich, die Lehrerin schnappte empört nach Luft, als sie mich später wieder einholte mit ihren Schützlingen: stand ich doch mitten in der Blau! Aber die Verbotsschilder galten nur für das Befahren mit Kanus in der Brutsaison der Watvögel - da verstummte ihr empörter Protest sehr schnell ^^ Tja, wer lesen kann...

Hm, der Knoblauchfelsen kurz vor dem Rusenschloss...

...da habe ich mich mit Macht gegen den Felsen hinter mir gedrückt, um dieses Bild zu machen; obwohl der Vorsprung eigentlich genug Platz bot.

Schön, nicht?

So wie ich das sehe, muss vom Rusenschloss mal ein ganzer Teil mitsamt Felsen abgestürzt sein; denn dieser Fensterbogen ragt über einen Abgrund. Die Geschichte dieses Gebäudes scheint auch nicht ganz klar zu sein. Und die Sagenwelt ist ja allerorten voll von Schlössern, die vollständig abstürzen.

Die Sonne! Die Luft! Die Blau! Dies Grün! ^^

Ich fürchte, ich wiederhol' mich...

Uuuuund nochmal die Wohnung der schönen Lau...


Auch die Ach fließt in die Blau, der Achtopf ist nicht weit weg. So treiben die beiden Gewässer sich also allgegenwärtig in Blaubeuren herum. Die Schwaben leben und bauen offenbar ganz gut damit.

Im Hintergrund der Tum der säkularisierten Klosterkirche. Das Haus liegt am Weg zu den Bleichwiesen, die heute ein gut genutzter Sportplatz sind und der Bleichturm diente früher vielleicht dazu, den Frauen beizeiten Bescheid zu geben, wenn sich am Waschtag den Wiesen Ungemach näherte...

Dies hier war eine seltsame Geschichte. Am Tag zuvor hatte ich irgendwie mit Sam über Mönchsgrasmücken gesprochen, ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang. Am nebligen Morgen dann war ich oben in der Galerie, um mal von dort aus nach dem Wetter zu schauen.

Da flog etwas mit lautem "Pock!" gegen die Gaube unter mir. Von meinem Schlafzimmerfenster aus hangelte ich dann den in die Dachrinne gekullerten Mönchsgrasmückenmann auf die Fensterbank. Er hatte sich an der Fensterscheibe das Genick gebrochen.

Sam! Hier siehst du, woher der Dodelweg seinen Namen hat. Dem Richter ist im Heimatmuseum, welches im Badhaus der Mönche ist, eine ganze kleine Vitrine gewidmet. Muss die Blaubeurer nachhaltig beeindruckt haben, der Wilhelm Dodel.

Ja, und das Heimatmuseum. Das hat mir sehr gefallen. Im Gegensatz zum abgehobenen Urgeschichtlichen Museum, das ich mir wirklich hätte sparen können.

Der Kasten erinnert mich stark an seine Kollegen im Bad Tölzer Heimatmuseum. Vielleicht nicht ganz so ungelenk bemalt. Andererseit war sich der "Künstler" womöglich bewusst, dass er besser beim mehr Dekorativen bleibt und sich mit Darstellendem übernimmt.

Diese Schmerzensmaria scheint mir allerdings aus derselben Werkstatt zu stammen wie die zahllosen andern in Bad Tölz.

Einen Abend nahm ich die Treppe neben der Pizzeria und stieg zum Blaustein hinauf, jenseits der Straße auf immer unwegsamerem Geläuf. Dafür war ich da oben entgegen meiner Erwartung - wochentags im Abenddämmer - überhaupt nicht allein: der ganze Stein voller wohlgerüsteter Kletterer, sogar ein Freeclimber. Kein Quadratmeter Fels ohne "Piercing", ein Seil neben dem andern, Geklimper und Geklirre, leise Rufe, der Boden schier lückenlos bedeckt mit "Needful Things". Hmja. Der Abwärtsblick flößte mir einmal mehr Respekt ein.

Aber eine schöne Abendstimmung.

Das war auch eine nette Begegnung. Neben der Straße, an einer Genossenschaft, hatte Grejazi mir schon vor der Fahrt eine Flüssiggastankstelle herausgesucht. Ich war da völlig allein und brauchte eine Weile, bis ich die Selbstbedienungsmöglichkeit vollständig erfasst, verstanden und umgesetzt hatte. Dieweil diese junge Dame mit ihrer sehr exklusiven Färbung unbeirrt auf den Schienen entlangspazierte, von der Stirn bis zum Ende ihres Legeapparates wohl zehn Zentimeter messend. Diesen Tag und Ort hatte ich zum Tanken gewählt, weil ungefähr einen Kilometer weiter der Parkplatz war, von dem aus ich eine Wanderung startete.

Hier is' Erklettern verboten. War aber auch so beeindruckend.

Ohne Worte.
Na ja, eigentlich hatte ich mir ein Herz gefasst und wenigstens eine der vielen Höhlen besuchen wollen. Aber schon am Rusenschloss hatte mich der Blick in die als Keller genutzte Höhle beklommen gemacht. Nicht alle Höhlen sahen freilich so ungastlich aus, jedenfalls auf den Bildern. Trotz Karte kamen wir dann aber doch nicht so richtig zusammen, diese Hohlräume und ich. Meine Zielvorstellungen habe ich an diesem Wandertag noch oft über den Haufen geworfen ^^
So ging ich dann lieber von Schelklingen aus Richtung Urspring. Früher war das ein Kloster, heute ist es ein Internat. Und der Urspringtopf ist auf dem Gelände.

Blick zurück nach Schelklingen; was der Wald rechts gnädig verbirgt, ist der wenig dekorative Anblick eines der zahllosen Zementwerke der Umgebung.

Ins Internatsgelände einbiegend, kam mir plötzlich dieses Auto entgegen. Ich musste so fürchterlich lachen, dass der nette Herr mittleren Alters, der am Steuer saß, natürlich anhielt und fragenden Blickes sein Fenster herunterkurbelte.
Ein kleiner Elch! Und dann auch noch aus Düsseldorf! Er freute sich, als ich ihm erzählte, dass ich auch mit einem so seltenen Auto unterwegs bin und obendrein aus seiner Gegend komme. Er war gerade erst angekommen und fragte mich nach einer guten Rad- und Wanderkarte. Eigentlich hätte ich ihm meine schenken können, es war mein letzter Urlaubstag. Aber ich wollte erst noch sicher zum Auto zurückfinden. Wir haben uns noch sehr vegnügt unterhalten.

Und das ist die Urspringquelle. Deutlich kleiner als der Blautopf, aber nicht weniger erfrischend. Mit dem eiskalten Quellwasser habe ich meine Trinkflasche wieder vollgemacht. Da die isoliert ist und auch über Nacht im Kühlschrank stand, war auf der ganzen Heimfahrt am nächsten Tag das Quellwasser noch kalt. Herrlich.

Manche Asphaltschuster sind AUCH kreativ.

Die Goldene Acht war gerade dabei, zur abendlichen Ruhe zu finden. Und ich musste noch an der Bundesstraße entlang zurück zum Parkplatz. Denn im Dunkeln durch den unwegsamen Bannwald noch dazu über den Berg, das wollte ich nicht und traute ich mir auch nicht zu.
Das hier war schon ein wenig bedenklich, aber eigentlich waren nur die letzten 500m bis zum Wanderparkplatz so richtig brenzlig. "Like a hobo" ging mir durch den Kopf, ich fühlte mich genauso.

Was für eine Freude, HIER wieder anzukommen. Ich hatte mich nicht verlaufen!

Um das Geißenklösterle abzulichten, hab' ich dann auf dem Rückweg nach Blaubeuren noch schnell am Straßenrand gehalten. Das Licht war einfach unwiderstehlich...

Kommentare:

Sam hat gesagt…

Hast Du Dir die Mühe gemacht! Schön, nochmal die Bilder zu sehen. Den Dodelweg hatte ich ganz vergessen, wahrscheins, weils hier auch genügend davon gibt.

Kingsizefairy hat gesagt…

Supertolle Bilder und auch traumhaftes Wetter!
Was die Schwaben angeht... wusstest du , dass die die Wiedergeburt erfunden haben? Immer wieder kehrende Wesen?
Daher auch die Dame im Kittel. Kehrwoche. Wer nicht mitmacht, wird geteert und gefedert oder so...

Stela hat gesagt…

Vielen Dank für die wunderschönen Fotos und die richtig tolle Beschreibung!!
Ich war die ganze Zeit traurig,dass ich unser Treffen verpassen musste und jetzt ist es mir doch als wäre ich ein klein bißchen bei euch gewesen.
Dank dir dafür!
Auf den Fotos sieht diese Gegend meiner momentanen Heimat,der Ostalb SEHR ähnlich,die bizzaren Felsen haben wir hier auch überall-nur das magische Blau fehlt halt.
Dass du dich nicht verlaufen hast bewundere ich auch ganz besonders-
in unbekannter Gegend passiert mir das auch mit Karte noch desöfteren.
Da es euch nun so gut hier gefallen hat,hege ich die heimliche Hoffnung,dass ihr vielleicht mal wieder in meine Nähe kommt.
Liebe Grüsse aus einem ziemlich trüben Novembersonntag!
Stela

Ursel hat gesagt…

Huhuu,
ja, danke auch, Kvinna !!

Da hab ich echt was verpasst mit Euch..leider..

Liebe Grüsse

Ursel

waldviertelleben hat gesagt…

du hast dir wirklich viel mühe gemacht und so eine schöne ausführliche beschreibung geliefert. danke. eine hübsche interessante gegend. schade, dass es so weit von mir ist.
lg
ingrid

Trudy hat gesagt…

Vielen Dank für die interessante Beschreibung deiner Reise durch diese landschaftlich reizvolle Gegend. Ich habe sie sehr genossen, auf meinem Sofa.
Tolle Bilder.

365 Tage hat gesagt…

Ja - das inspiriert! Arbeit, mein Goottt muss halt sein, so oder so. aber Blaubeuren, das ist schön!!

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für die schönen Aufnahmen und Kommentare MEINER Heimatstadt! ... ich bin gerade im Begriff ins bayerische Ausland umzuziehen (der Liebe wegen ;-) ... und beim Anblick dieser Bilder fällt es mir noch schwerer!

A liabs Griaßle von 'ra echta Blaubeirare (Blaubeurerin)

kvinna hat gesagt…

Liebe Blaubeurerin,
ich bin ganz gerührt! Ich wünsch' dir von Herzen alles Gute in Bayern - das ich selbst vor zwei Jahren zum ersten Mal besucht habe und auch teilweise sehr beeindruckend fand! Mich hat die Liebe "bloß" übern Rhein geführt, aber da liegen auch schon Welten dazwischen...