Dienstag, Dezember 01, 2009

Vom Leib schreiben...

...werde ich mir nun diese Geschichte hier, nachdem ich sie lang' genug gedreht, gewendet und erzählt habe.

Als ich am vorigen Freitag in Wind und Wetter mit meiner Freundin den Gemeindebrief austrug, bekam ich auf dem Handy einen Anruf von der Schule. Die Sekretärin bat mich, M. abzuholen. Als ich ihn am Telefon hatte, erzählte er weinend, dass er von einem Klassenkameraden, Y., nach dem Sportunterricht in der Umkleide gewürgt worden ist. Zunächst mit der Hand am Hals gegen die Wand, dann im Schwitzkasten. Sehr schlimm war auch, dass alle anderen Jungen nur zusahen. Erst J., der als letzter in die Umkleide kam, griff sofort ein, befreite M. und ging mit ihm zur Sportlehrerin.

Ich habe dann mit M. auf dem Schoß im Sekretariat gesessen und wir haben beide geweint. Mir kommen jetzt noch die Tränen. Seine Klassenlehrerin, Frau A., kam dazu und versicherte mir, dass die Schule sofort in dem Sinne aktiv geworden ist, dass ein solcher Übergriff nicht geduldet wird, sprich, einen Tadel erteilt (der ein vollwertiges Rechtsmittel ist!) und Y.'s Eltern hinzuzieht.

Jedenfalls ließ ich mir im Sekretariat gleich die Unterlagen für eine Unfallanzeige mitgeben (ich habe M. später gesagt, dass das kein "UNFALL" war und Versicherungen bloß keine gescheiteren Formulare haben) und zu Hause legte ich M. erst mal auf die Couch. Er klagte über ein Druckgefühl am Kehlkopf und Bauchweh (wie auch nicht?!) und war einverstanden, zum Arzt zu fahren. Erst mal haben wir aber ein bisschen durchgeatmet, und ich habe ihm eindringlich erklärt, dass er, was immer er gesagt oder getan hat, niemals Schuld ist an diesem Angriff. Er hat mir versichert, er habe nur 'rumgealbert und gar nicht mal Y. gemeint damit. Er habe so getan, als hätte er seine eigene Hand nicht mehr unter Kontrolle und diese wolle ihn erwürgen und daraufhin sei Y. auf ihn losgegangen. Ich glaube ihm das genau so, wie er das erzählt hat.

Es ist noch am Freitag in der Klasse darüber gesprochen worden, aber M. hat auch gesagt, dass er seiner Lehrerin nicht erzählt hat, wie schlimm er fand, dass ihm niemand geholfen hat. Inzwischen weiß Frau A. das aber. Und ich habe M. erzählt, dass es ja vielleicht auch sein könnte, dass die anderen viel zu erschrocken waren, sozusagen vor Schreck erstarrt. Y. hat keine Erklärung geben können und sich nach M.'s Empfinden sehr widerwillig entschuldigt. Ich selbst habe Y. nicht gesprochen noch gesehen.

Zu Hause jedenfalls hatte ich einiges zu telefonieren, die Sprechstundenhilfe von unserem Hausarzt sagte mir, ich solle direkt ins Krankenhaus fahren. Meine gleich nebenan wohnende Schwägerin hatte frei und hat mir sehr geholfen. Nachdem also der Waffelteig einen Weg zu J. und dem Weihnachstmarkt fand (wo ich mit ihm hätte stehen und Waffeln für einen guten Zweck verkaufen sollen), mein Schwiegervater später seinen Enkel von dort abholte und B. von der Mutter einer Klassenkameradin vom Schulbus abgeholt werden konnte, hatte ich den Kopf frei ;)

Im Krankenhaus waren wir zuerst in der chirurgischen Ambulanz, dann bei einer sehr netten Kinderärztin, die ganz auf M. eingegangen ist. Sie hat seinen Kehlkopf mittels Ultraschall untersucht und wir haben sehr viel mit ihr über alles gesprochen. M. fing immer wieder zu weinen an. Aber als wir mit den Untersuchungen soweit fertig waren, hatten wir beide ordentlich Hunger und gingen erst mal in die Kantine des Krankenhauses. Da ging es ihm insgesamt schon ein bisschen besser.

Als ich dann schließlich mit allen Kindern wieder zu Hause war, war's auch schon Zeit, mit den selbstgebackenen Plätzchen zum Adventlesen aufzubrechen. M. wollte zu Hause bleiben und J. sich um ihn kümmern. Da Grejazi ohnehin wenig später nach Hause kam, war es für mich in Ordnung, die beiden allein zu lassen - auch wenn ich da jetzt beim Hinschreiben ein Störgefühl habe. Übers Wochenende haben Grejazi und ich auch immer wieder über den Vorfall gesprochen.

Abends hatte ich dann den Eindruck, dass es M. so gut ging, wie es nach einem solchen Erlebnis überhaupt gehen kann. Ich jedenfalls war so voller Adrenalin, dass ich dann doch noch bis spät zu einem geselligen Abend zu Freunden ging.

Am Samstag haben wir zusammen ein neues Fahrrad für M. gekauft, das war ohnehin für diesen Tag geplant. Sonntag hatten wir dann J.'s Geburtstagsfeier mit der Familie und M. war über Mittag auf einem Geburtstag eines Klassenkameraden, auf dem auch andere Jungen aus seiner Klasse eingeladen waren. Y. aber nicht. Ich glaube, dass die Jungen M. auch noch sehr aufgebaut haben, insofern traf sich das gut, dass sie vor dem Montag alle nochmal zusammen sprechen konnten.

Ich habe auch mit beiden Jungs über mögliche Rachegelüste gegenüber Y. gesprochen und beide waren da sehr verständig. In der Schule wird noch ein weiteres Gespräch stattfinden.

Die Geschichte ist mir sehr nahe gegangen und ich sehe, dass es Zeit gebraucht hat, sie zu verdauen. Wieviel mehr Zeit braucht M.?

Die vollkommene Krönung des Ganzen ist, dass M. gestern mit Tränen in den Augen aus der Schule kam, weil er beim Wichteln Y.'s Namen gezogen hat. Dass er diesen aber auf der Weihnachtsfeier der Klasse beschenkt, kommt überhaupt gar nicht in Frage. Da müssen nun die Lehrer 'ran.

Kommentare:

Stela hat gesagt…

Oh je,das ist schrecklich und tut sehr weh,wenn ein Kind durch andere Kinder verletzt wird.Einfach so.
Mein Sohn ist in der dritten und vierten Klasse auch mehrfach von Klassenkameraden so verhauen worden,dass ich mit denen gesprochen habe und ihnen sagte,beim nächsten mal werden ihre Eltern ,die Lehrerin und der Rektor miteinbezogen.
Es war damals so,dass mein Sohn wenig Selbstbewusstsein hatte und diese Energie geradezu angezogen hat.Es hat mir so Leid getan ,dass die anderen Kinder genau diese Unsicherheit und Verletzlichkeit ausnutzten.
Ich wollte ihm so gern helfen damit fertig zu werden aber ich war nicht besonders erfolgreich.
Nach zwei Jahren Karatetraining hat sich das ins Gegenteil verkehrt.
Wir hatten ein bißchen Angst,er würde Konflikte nur noch SO lösen,aber das Gegenteil war der Fall.Er wurde so selbstbewußt und ruhig,dass es gar keine Konflikte mehr mit anderen Kindern gab.
Dasselbe in grün übrigens bei seinem zwei Jahre jüngeren Cousin.
Vielleicht ist das auch eine Idee für deinen Sohn und vielleicht gibts bei Euch auch die Möglichkeit, ihn mal probeweise in ein Kampfsporttraining zu bringen?
Liebe Grüsse,Stela

Sam hat gesagt…

Ja, das braucht schon Aushalten als Mama, dem Kind nicht direkt helfen zu können. Grade bei "Jungs-" Angelegenheiten, wo reden und diskutieren den eigentlichen Punkt nicht berührt.
Die werden sich immer einfach mal handfest bekriegen, das gehört zum Kräfte wachsen lassen und sich spüren dazu.
Mach Dir nicht zuviel Sorgen deswegen, ich teile da auch Stelas Erfahrung: Das wird schon! Den Weg zum gesunden Selbstgefühl kann ihnen niemand abnehmen, schon gar nicht die Mutter.

kvinna hat gesagt…

Unsere Kinderärztin hat mir neulich mit einem Zwinkern erklärt, dass ich das Rückgrat meiner Kinder offenbar selbst errichten will. Diesen Satz finde ich sehr denkwürdig und hilfreich: er schützt mich davor, die Kinder zu sehr festzuhalten. Ich habe mit gelitten und ich bleibe aufmerksam. Was weiter geschieht, geht von M. aus.

kvinna hat gesagt…

Na ja, und eben diese "Jungsdinger", ich war nie ein kleiner Junge, insofern habe ich da gewissermaßen ein Defizit... ;)

mondin hat gesagt…

Hallo Kvinna,

heftig !

Aber habe ich das richtig verstanden : hast Du mit Y.'s Eltern überhaupt nicht gesprochen ?
Wolltest Du das nicht ?

Und mit der Unfallanzeige :
Wälzen das besagte Eltern auf die VERSICHERUNG ab ??

Unpersönlicher geht es ja fast nicht in deutschen Landen, oder ?

Wie gesagt, vielleicht hb ich da auch was falsch verstanden..

Ich wünsch' Euch jedenfalls ne Menge Ausdauer und Kraft, das auszutragen.

kvinna hat gesagt…

Nee, Ursel, das mit der Versicherung ist deshalb so, weil's in der Schule passiert ist. Ich bin mit M. zum Arzt gegangen und diesen Arztbesuch bezahlt nicht unsere Krankenkasse sondern der Rheinische Unfallversicherungsverband. Im Grunde war ja auch physisch nix, aber wegen des Druckgefühls wollte ich ganz sicher gehen - abgesehen davon habe ich so wenigstens 'was in der Hand.

Bislang hatte ich tatsächlich kein Verlangen, Y.'s Eltern zu sprechen. Was soll das bringen? Disziplinarisch ist die Schule da zuständig. Ich tät' mir nur Y. persönlich vornehmen, wenn ich den Eindruck hätte, die Eltern nehmen sich von der Sache nix an.

Ist ja nicht das erste Mal, dass ich mit Schulkonflikten zu tun habe, das hatte ich schon in allen möglichen Varianten: als Tätermutter, als Opfermutter und auch als Pflegschaftsvorsitzende einer Grundschulklasse.

Ich denke, bis zu einem gewissen Grad muss sowas auch in der Schule bleiben.

Stephanie hat gesagt…

Hallo Kvinna,
als ich letztens unterwegs war, kam im Radio der Bericht, dass in Frankreich ein sogenanntes Würgespiel seine unheilvollen Kreise zieht. Es gibt bereits Todesfälle.

http://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio46984.html

Auch relativ junge Kinder, die bewusst Grenzerfahrungen machen wollen oder den Kick suchen, sind beteiligt. Beim Würgen ist auch nicht unbedingt die Einwilligung des Opfers gegeben. Eine erschütternde Entwicklung. Ich habe den Begriff Würgespiel bei Google eingegeben und die Infos dazu haben mich ziemlich verstört.

Gruß Stephanie

mondin hat gesagt…

"Im Grunde war ja auch physisch nix,"
Moment mal, er kann ein Kehlkopftrauma haben !
Da schwillt es nämlich nach innen und aussen sieht man garnicht so viel.

Uff, ich erinnere mich grad blitzartig an eine katholische Familienfreizeit (vor 30 Jahren), wo die älteren Mädels auch mit sowas anfingen.
Ich hab das nur damals überhaupt nicht geschnallt und hab da selbst auch nicht mitmachen wollen.

kvinna hat gesagt…

Selbstredend hätte da was sein können, Ursel. Aber nachdem er zunächst sehr gründlich äußerlich und nicht weniger genau per Ultraschall untersucht wurde, gehe ich mal davon aus, dass er zumindest physisch keine weiteren Folgen erleiden wird. Auch wenn ich zugeben muss, dass das Druckgefühl noch sehr lange angehalten hat.

kvinna hat gesagt…

Ach ja, und DAS in DER Situation waren definitiv KEINE Würgegespiele.

Kingsizefairy hat gesagt…

Das arme Kind, ich bin entsetzt....

mondin hat gesagt…

Dann ist ja gut, dass alles abgeklärt ist zumindest körperlich..
Ich hab da auch was falsches geschrieben :
es hatte da auf der Freizeit nichts mit Würgen zu tun.
Die Mädels haben sich gegenseitig in den Bauch gedrückt (Bauchschlagader abgedrückt ?), bis ihnen schwarz vor Augen wurde.

Aber auch nicht besser..

kvinna hat gesagt…

Ach, Ursel, so Ohnmachtsspiele haben wir auf der Mädchenschule schon gespielt. Wie gefährlich das wirklich war, weiß ich nicht. Aber wir waren deutlich älter.

Kingsizefairy, mir ist das auch gehörig ins Gebein gefahren. Und ich bin nicht bereit, den Lehrern, die großzügiges Verzeihen schnellstmöglich fordern, nachzugeben.

Einerseits will ich zum Alltag zurück und die Geschichte nicht aufblasen, andererseits sehe ich aber auch, dass M. Zeit braucht. Verzeihen muss wachsen, das klappt nicht auf Kommando. Diesbezüglich habe ich Lehrer schon immer als extrem unsensibel empfunden.

Zwillings-Sonne hat gesagt…

Ein sehr interessanter Beitrag, zeigt er doch, wie angeblich "klare Sachlagen" allein aufgrund von sehr subjektiven Bezügen zurechtinterpretiert werden.

Erst einmal: Das Kind M. wird noch sehr lange an dieser Geschichte arbeiten, weiß ich aus praktischer Erfahrung. Sein Leben lang, denn es ist eine sehr archaische und lehrreiche Erfahrung.

Die Erfahrung, verraten und verkauft worden zu sein durch meine besten Freundinnen ist mir sehr bekannt.Sie haben sich schnell in den nächsten Laden verpißt und durch die Tür zugeschaut, ob ich nun ordengtlich verprügelt werde - oder eben auch nicht, was der Fall war, da ich sehr diplomtaisdch reagiert habe auf die sogenannten "MauMaus" der Siedlung damals, die alles ziemlich fest im Griff hatten. Ich hab sie also nicht aufs Maul gekiregt, weil ich mit denen geredet und verhandelt habe.
Meine "Busen-Freundinnen" waren danach unten durch bei mir - ich hatte keinen Respekt mehr vor ihnen. Feiges Pack!
Ich bin auf meinem Schulweg grundlos vollgerotzt worden - und gedemütigt wieder nach Hause gedackelt,um dort LÜgen zu erzählen, ich wäre in eine Pfütze gefallen. U.vm.

Dafür habe ich wenig später gelernt, mich nicht mehr einschüchtern zu lassen, auch nicht von den "Asis" - und sogar, daß die sogenannten "Asis" mir manches Mal eine weit zuverlässigere Rückendeckung gegeben haben, als die "Genormten".

Was mir an der Geschichte von M. zuallererst auffiel und was dann völlig untergeht in der Schilderung und in allen Mütterkommentaren (es war der Ausgangspunkt!) ist dies:
M. hat zuerst mit dem Würgen begonnen, wenn auch im Spiel.
Was, wenn besagtes Kind "Y." sich schlicht in Panik gewehrt hat? Oder auch im Zorn. Oder in reiner Verteidigungshaltrung. Vielleicht in einer Mischung von alledem.

Ich denke, Y. wird hier zuwenig Raum gegeben - er gehört hierzu ordentlich befragt.

Und: Ja, es ist eine von diesen schmerzhaften und äußerst prägenden Kindergeschichten. Die können einen aber auch in die eigene Kraft bringen.

Gewürgt worden bin ich später, nicht mehr als Kind - und es schmerzt bis heute noch im Hals - ich bin gerade dabei, mit diese Energie wieder vom Hals zu schaffen. Aber ich denke, es ist die Lernaufgabe von M.

Wie schön wäre es gewesen, die Versöhnung hätte über´s Wichteln geschehen können - vielleicht könnten so die gerissenen Wunden schneller heilen.

Gruß, Sati

















Erst mal haben wir aber ein bisschen durchgeatmet, und ich habe ihm eindringlich erklärt, dass er, was immer er gesagt oder getan hat, niemals Schuld ist an diesem Angriff. Er hat mir versichert, er habe nur 'rumgealbert und gar nicht mal Y. gemeint damit. Er habe so getan, als hätte er seine eigene Hand nicht mehr unter Kontrolle und diese wolle ihn erwürgen und daraufhin sei Y. auf ihn losgegangen.

Ich glaube ihm das genau so, wie er das erzählt hat.

Es ist noch am Freitag in der Klasse darüber gesprochen worden, aber M. hat auch gesagt, dass er seiner Lehrerin nicht erzählt hat, wie schlimm er fand, dass ihm niemand geholfen hat.

kvinna hat gesagt…

Missverständnis! Die bezeugte Version lautet, dass M. SICH SELBST herumalbernder Weise gewürgt hat. Objektiv kein Grund für Y., in Panik zu geraten, oder? Und im Grunde verurteile ich Y. nicht. Nur das, was er getan hat. Und beide Kinder sind vom Lehrer noch einmal einzeln zum Gespräch gebeten, also sehr ausführlich angehört worden. Ich sehe nicht, dass ich mich DA dazwischen mischen müsste. Ich kümmer' mich um M.

Zwillings-Sonne hat gesagt…

Ja, objektiv gesehen hast du recht - habe es gestern auch nochmal gelesen, daß dein Sohn sich selbst und niemand anderen angefaßt hat. Nur gut, daß er gut aufgehoben ist zuhause mit solchen (unerklärlichen) Schockerlebnissen.

365 Tage hat gesagt…

Mein Gott - als Mutter hat man ja wirklich viel zu bedenken. Die Jugendlichen habe auch seltsame Spiele, wie man da aufpassen muss! Das hier habe ich eben gelesen!
http://de.news.yahoo.com/26/20091209/twl-gymnasiast-stirbt-bei-wrgespiel-0af634d.html