Donnerstag, Juni 20, 2013

Ein absolut subjektiver Hochwasserbericht

Vorwort
Ich habe wirklich mit mir gehadert, ob ich den folgenden Text öffentlich stellen soll. Das Erlebte hat mich sehr aufgewühlt. Und mein ältestes Mittel, mich wieder zu glätten, ist, es aufzuschreiben und mich mitzuteilen. Wenn Ihr mich mögt, dann seid so gut und lasst es unkommentiert. Versucht Euch einfach nur vorzustellen, wie die Stimmung dort ist, wie die Menschen sich fühlen und denkt daran, dass, wenn Wasser und Medieninteresse zurückgehen, viele Probleme in diesen Gegenden überhaupt erst mal sichtbar werden und weit davon entfernt sein werden, gelöst zu sein.

DANKE!

Am vergangenen Freitag habe ich meinen Bus zum provisorischen Wohnmobil umgerüstet, Schüppe, Spaten und Handschuhe eingepackt und mich auf den Weg an die Saale gemacht. Die erste Adresse, die ich von einer der vielen Hotlines bekam, war in Halle.

Ich kam erst nach 22 Uhr da an, wo am nächsten Morgen ab 9 Uhr die Arbeit losgehen sollte. Mein Navi war so freundlich, mir zu zeigen, wo der nächste Campingplatz sei.

Da schaukelte ich hin, der Weg war eng und unwegsam, aber befahrbar. Es roch überall nach Flussschlamm, nicht ungesund, aber durchdringend.  Die Stadt war wieder lebendig, es gab sowas wie Nachtleben, aber nicht nur die letzten Sandsäcke und die ruinierten Möbel etc. am Straßenrand ließen ahnen, das hier noch längst nicht alles wieder in Ordnung war.

Im Dunkeln fand ich das Tor des Campingplatzes verschlossen und denselben so gut wie leer.

Als ich schon beinahe aufgeben wollte, kam aus dem Wohnwagen hinter dem Sperrmüll doch noch eine Frau und machte mir auf. Es stellte sich heraus, dass das Haus beim Tor ihres war und der Sperrmüll einmal ihr Hausstand. Wohnen muss sie noch einige Wochen mit Mann und Hund und Katz' in ihrem Camper, denn im Haus laufen die Bautrockner. Immerhin, so weit war sie schon.

Auf mich wirkte sie ein wenig paralysiert, ich ließ sie erzählen. "Unsere Oma wollte sich erst gar nicht evakuieren lassen, die ist 87 Jahre alt und hat gesagt, bis hierher kam das Wasser doch noch nie...".

Ich richtete mich häuslich ein auf dem - übrigens wunderschönen - Platz am Saaleufer und legte mich gleich schlafen. Um 7 Uhr ging mein Wecker, ich kochte mir Kaffee und frühstückte ordentlich, dann machte ich mich auf den Weg zur Kindertagesstätte.

Nachdem dort das Wasser abgelaufen gewesen war, musste so gut wie alles weggeworfen werden, das Flusswasser führte ja neben Öl aus Heizungskellern noch manches andere Kontaminierende mit sich. Auch ca. 60 Tonnen nassen Spielsandes aus dem großen Sandkasten hatten entfernt werden müssen.

Mit ca. 30 Leuten waren es 3 Stunden Arbeit, bis etwa 5 LKW-Ladungen sauberen Sandes verfüllt waren. Der Kindergarten hat nun so gut wie kein Spielzeug mehr, mal sehen, was da zu machen ist.

Zwei Paare unter den Helfern erkannte ich im Verlauf der Arbeit als ebenso auswärtig wie mich selbst. Spontan taten wir uns zusammen und brachten in Erfahrung, dass in Bitterfeld im Spendenlager Hilfe gebraucht würde.

Also fuhren wir dahin. Aber das Lager war voll und die Leute hatten nichts zu tun. Allerdings konnten sie uns sagen, dass in A. soeben die Evakuierung aufgehoben wurde und dort Hände gebraucht würden.

Auf dem Weg an die Elbe standen die Äcker noch unter Wasser und kurz vor A. waren die Straßenränder zugeparkt. Ich war vorgefahren und stieg als erste aus dem Auto; bevor ich den Wagen der freiwilligen Feuerwehr erreichte, sprach mich ein anderer freiwilliger Helfer an und riet mir ungefragt, mich im Rathaus zu melden.

Viele Straßen waren gesperrt, wir schlängelten uns durch. Der Markt war okkupiert von schwerem Gerät der Feuerwehr und des THW. Im Bürgermeisterbüro wurden wir gleich an die Leitung des Einsatzstabes verwiesen.

Zu diesem Zeitpunkt war das Rathaus von A. bereits seit 2 Wochen rund um die Uhr geöffnet. Den Leuten war anzusehen, dass sie nur stundenweise schliefen. Der Feuerwehrmann, an den wir uns wandten, organisierte einen VW-Bus, der uns bis an den Deich bringen sollte.

Vor dem Rathaus warteten wir also auf Denni, ein Feuerwehrmann so um die 30 Jahre alt. Ich nahm nur meinen Autoschlüssel mit, der Fahrer hielt aber nochmal an meinem Auto, weil er meinte, ohne Arbeitshandschuhe sollte ich nicht losziehen. Er behielt recht.

Auf der Fahrt zum Deich erzählte Denni, wie einer ihrer LKW beinahe abgesoffen wäre: Der Fahrer habe sein I-Phone hochgehalten, tief Luft geholt und quasi tauchend den Laster mit Vollgas aus dem Wasser bugsiert - "Sonst wären die alle abgesoffen!". Einem Kollegen sei das Haus vollgelaufen, während er selbst im Einsatz war.

Denni erzählte auch, dass eine Folge des Hochwassers von 2002 war, dass in regelmäßigen Abständen Zufahrtswege zum Deich gebaut wurden; damals hatten sie sich noch mit Kettensägen Zugang verschaffen müssen, um mit Baggern und LKW's überhaupt durch die Botanik heran zu kommen an den Deich.

Bevor wir uns vor Ort beim Einsatzleiter melden konnten, wurden wir fünf von einem Traktorfahrer einkassiert, der noch Paletten und Sandsäcke aus der Zufahrt aufsammeln und abfahren musste. Zu sechst war das folgerichtig sehr schnell getan.

Der Deich war voller Soldaten, THW- und Feuerwehrkräfte, neben uns machte ich noch etwa 15 bis 20 zivile Freiwillige aus. Es galt, Sandsäcke wegzuschaffen, um den aufgeweichten Deich zu entlasten. Etwa auf einem Kilometer Länge war derselbe also nicht befahrbar und Handarbeit vonnöten.

Die Elbe stand zu diesem Zeitpunkt und an der Stelle vielleicht zwei Meter unterhalb des Weges. Es war zu erkennen, dass sie mal  bis knapp unter die Deichkrone gereicht hatte.

Ich habe ja von so etwas keine Ahnung: Ich hätte mir eine Schubkarre genommen und wäre halt' losgelaufen. Aber das Ganze war clever organisiert: Die Strecke war in etwa 300 Meter lange Abschnitte unterteilt. Meine Aufgabe war, eine leere Karre zum ersten Posten zu schieben, sie weiterzugeben und eine volle in Empfang zu nehmen, die ich dann zu den beiden Baggern schob, wo zwei Soldaten die Säcke in die Baggerschaufeln umluden. Kehrt Marsch, mit der leeren Karre zurück  und wieder von vorn. So hat jeder in dieser Kette immer im Wechsel mit einer "Leerfahrt" eine verkraftbare Strecke weit geschoben.

Die Bagger wiederum kippten die Säcke in einen am Deichfuß bereitstehenden Container. Sehr effektiv das Ganze und lehrreich für mich.

Die meisten der etwa 60 Schubkarren waren allerdings für diesen Job nicht geeignet. Später erfuhr ich, dass es 19,90-Euro-Karren waren - dass sie eigentlich nur für leichte Gartenarbeit taugten, sah ich gleich! Schrauben lösten sich, Achsen brachen oder die Beine knickten schlichtweg ein. Es galt, sie so lange wie möglich zu benutzen und dann den Deich runter zu pfeffern (Natürlich haben wir sie später wieder eingesammelt!)

Das habe ich dann so etwa vier Stunden lang gemacht, zwischendrin kam noch eine weitere Bundeswehrtruppe zur Verstärkung. Es gab reichlich Wasser und Apfelschorle zu trinken (das war auch nötig, die Sonne schien nicht zu knapp!) und die Stimmung war gut. Als Cola kam, wurde allgemein gejohlt.

Die ganze Zeit hörte ich Rohrdommeln rufen, sah Milane kreisen und die Schwalben jagten die reichlich vorhandenen Insekten. Eine schöne Versteinerung habe ich mir unterwegs in die Hosentasche gesteckt und die Jungs vom Bund waren ein leckerer Anblick. Auch eine Eidechse habe ich gesehen.

Dann sahen wir, wie der Endposten eingesammelt wurde. Alle Sandsäcke waren also abgeräumt. Es folgte ein allgemeines Zusammenräumen und Verladen von Getränken, Leergut und Schubkarren, die Soldaten wurden mit Bussen abgefahren.

Eh' ich mich's versah, war ich allein mit den vier Freiwilligen, denen ich mich in Halle angeschlossen hatte. Als sie anfingen, sich gegenseitig mit Sandsäcken und Schubkarren zu fotografieren, drückte ich mich um die Ecke.

Ich hatte Glück: Der Traktorfahrer vom Mittag war als einziger noch da, sein Anhänger voller Paletten-Trümmer. "Wie komm' ich'n jetzt nach A. zurück?" fragte ich. "Indem Du bei mir mitfährst!" grinste er. Gesagt, getan, saß ich auf dem Kotflügel vom Trecker und wurde sogar bis zum Rathausplatz gefahren. Mit allen guten Wünschen verabschiedeten wir uns voneinander und da stand ich nun, schmutzig und müde.

Da kam der rote Feuerwehrbulli angefahren und Denni erkundigte sich nach meinem Befinden und dem Verbleib der übrigen vier. Da er gerade "Kapazitäten frei hatte", rief ich die Andern an - Denni gab mir sein Handy, mein Netz versagte, kein Wunder, wenn ohne Strom kein Festnetz genutzt werden kann, leiden auch die Mobilnetze, ein ganz allgemeines Problem zu diesem Zeitpunkt.

Humm, meine Mitstreiter hatten mein Verschwinden noch gar nicht begriffen und waren perplex, dass ich ihnen nun ein "Taxi" schicken konnte. Hehe!

Die vier verabschiedeten sich von mir, das eine Paar konnte direkt nach Hause fahren, das andere bei seinen Eltern übernachten.

Ich habe mich erst mal in die Tür von meinem Bus gesetzt und einen Teil meines Proviants verzehrt. Irgend jemand drückte mir auch noch eine Wurst in die Hand, frisch vom Grill: Leute aus R. hatten sich zusammen getan und sorgten auf dem Marktplatz kostenlos für die Verpflegung aller Helfer.

Theoretisch hätte ich mich in meinem Auto sofort schlafen legen könnten, das Bett war ja fertig. Aber geduscht hätte ich ja wirklich gern noch, Müdigkeit her oder hin.. Ein Feuerwehrmann erzählte mir von der Dusche einer Turnhalle, der Schlüssel sei im Rathaus zu kriegen. Der Bürgermeister höchst persönlich bedauerte, dass der Schlüssel verschwunden sei. Jemand habe wohl abgeschlossen, den Schlüssel dann aber eingesteckt.

Humm. Ehe ich noch abwehren konnte - es gab schließlich dringendere Probleme als meines - gab eine Mitarbeiterin, Frau K., mir ihre Privatadresse und schrieb einen Zettel für ihren Mann, damit er mich einließe. Das Angebot war zu verlockend, um es höflich abzulehnen.

Ungefähr zwei Kilometer vor der Stadt traf ich in einer kleinen Siedlung an genannter Adresse niemanden an. Da stand ich nun unschlüssig mit Kleiderbündel, Handtuch und Kulturbeutel auf der Straße. Nachbarn grillten im Garten und ich musste mir erst ein Herz fassen, ehe ich nach dem Gesuchten fragte.

"Der ist noch in seinem Schrebergarten!" war die Antwort und freundlich wurde mir der Weg erklärt. An der nächsten Ecke kam mir ein Mann mit zwei Säcken Heu, "Für die Kaninchen!" und einem Eimer voller frisch gepflückter Erdbeeren entgegen.

Ich musste ihm nicht viel erklären. Die Dusche war wirklich und wahrhaftig ein Genuss, obwohl ich beide Hände brauchte, um die Zahnbürste zu halten: Tatsächlich, ich kriegte Arme nicht mehr besonders gut hoch.^^

Herr K. erzählte mir, dass auch in diesen Straßen die Evakuierung gerade erst aufgehoben worden war. Sie hatten aber Glück gehabt - in diesem relativ jungen Wohngebiet gibt es wohlweislich keine Keller und die Elbe hatte diese Häuser nicht erreicht, auch die Taube war nicht bis dort geflossen. Glück gehabt, und die Erleichterung lag greifbar in der Luft - der Herr K. sprudelte beinahe über vor Erzähldrang. Als seine müde Ehefrau endlich heimkam, hatte ich etwa ein Pfund Erdbeeren verdrückt.

Die beiden waren so nett zu mir, aber in der Wohnstraße wollte ich wirklich nicht campen, obwohl sie mich mit weiterer Badbenutzung lockten. Die Tochter kam aus Gießen, wo sie studiert, zu Besuch, die oberen Etagen des Hauses standen noch voll mit Dingen aus dem Erdgeschoss.

Ich bedankte mich noch viele Male, dann verließ ich die Siedlung.

Abseits der Landstraße nach A. sah ich zwischen Bäumen etwas wie einen Gutshof, auch dort stand noch Wasser. Es sah verlassen aus und das Tor war geschlossen. Im Knick der engen Zufahrt war ein kleiner Rangierplatz, da parkte ich, verhängte die Fenster und schlief fast augenblicklich ein.

Als mein Wecker um 7 Uhr am Sonntagmorgen klingelte, war das Wetter herrlich und nichts zu hören außer Vogelgezwitscher. Ich machte mich ein bisschen frisch, kochte mir Kaffee und toastete Brötchen auf. Das war wirklich göttlich!

Hin und wieder kam ein Auto, ein Fußgänger oder ein Motorrad vorbei. Alle grüßten erstaunt, aber freundlich. Ich guckte mir ein bisschen die Landschaft an, ging zu den Gebäuden und folgte dem Weg Richtung Elbdeich. Da stand auf einer aufgeschütteten Fläche eine riesige mobile Pumpe und Generatoren, die das eingedrungene Wasser in diesem Bereich über mit Folien ausgelegte Rinnen wieder zurück in die Elbe beförderte.

Ein imposanter Anblick!

Ich kam mit anderen Zivilisten ins Gespräch. Außerdem stand dort, ach nee, auch ein Feuerwerbulli. Dem Denni, der da ausstieg, war anzusehen, dass er weniger geschlafen hatte als ich. Ich erzählte ihm, wie's mir ergangen war und er erklärte mir, dass, wenn das örtliche Schöpfwerk nicht bald wieder von höherer Stelle zum Betrieb freigegeben würde, das Wasser wohl noch wochenlang in der Landschaft stehen würde.

Wir verabschiedeten uns mit guten Wünschen und ich fuhr erst mal zurück zum Rathaus.

Dort war die Lage ein wenig entspannter als am Vortag; zwar kamen noch immer laufend Bürger zum Büro des Bürgermeisters, um ihre vollgelaufenen Keller anzumelden, aber den Einsatzkräften war anzumerken, dass es zu dieser Stunde nicht viel zu tun gab.

Das Land hatte angeordnet, das Schöpfwerk abzustellen, als die Pegel stiegen - wenn ich das richtig mitbekam. Als das Land später die Evakuierung aufhob, waren nicht nur die Einsatzkräfte dagegen, sondern auch der Bürgermeister.

Sie mussten's aber zulassen.

Nun waren die Menschen aus den Notunterkünften heimgekehrt in Häuser ohne Strom, ohne funktionierende Abwasserleitungen und mit Kellern, die teilweise bis über die Bodenkante des Erdgeschosses unter Wasser standen.

Dementsprechender Unmut herrschte allgemein; einen älteren Herrn, der sich über den fehlenden Strom beklagte "Wir müssen doch kochen!", war schwer klarzumachen, dass es allen so ging und die Mitarbeiter des Rathauses nicht Schuld hatten an diesem seinem persönlichen Problem. Wären die Leute noch in den Unterkünften geblieben, hätte wohl alles ein wenig anders ablaufen können. Das war, was ich so wahrnahm: Ärger auf beiden Seiten.

Da die Feuerwehr für mich nichts zu tun hatte, wandte ich mich wiederum an Frau K. Ich hätte mich auch im Rathaus nützlich gemacht, tippen und telefonieren kann ich auch ohne besondere Befugnisse. Aber im Laufe des Tages waren im Rathaus einige Notfälle bekannt geworden, bei denen es um Organisatorisches, um Zuspruch, um "sich kümmern" ging und Frau K. gab mir die Adresse von einer älteren Dame, die ziemlich aufgelöst bei ihr vorgesprochen hatte.

Da fuhr ich erst mal hin. Gedankenlos drückte ich an der Haustür des kleinen Häuschens auf den Klingelknopf (Wie blöd eine sein kann!!!) und natürlich rührte sich nichts, die ganze Straße hatte keinen Strom. Beherzt trommelte ich also gegen die Tür und Frau T. zeigte mir dann ihre Küche: der ganze Fußboden war in eine Schräglage geraten und sie sorgte sich um ihre Einbauküche. Das Haus war alt, ohne Fundamentplatte, das Erdgeschoss lag zwar über Straßenniveau, aber der Keller, der sich vorn im Haus unter dem Flur befand, war fast bis auf diese Höhe voll Wasser gelaufen.

Sie hatte auf ihrer Couch übernachtet, die Frau T. und dem Haus beim Ächzen zugehört. Neben ihren eigenen hatten sich auch Nachbars Katzen in die oberen Räume des kleinen Häuschens geflüchtet. Und weil die Tiere so durch den Wind waren, naja, vergaßen sie ihre Stubenreinheit. In den vollgestellten Dachräumen roch es entsprechend.

"Was soll ich denn machen, ich kann mir doch von meiner kleinen Rente keine neue Küche mehr kaufen, meine Töchter sind auch beide abgesoffen, die kann ich doch nicht belästigen, die wissen ja selbst kaum, wo ihnen der Kopf steht!".

Leerräumen und abbauen war also angesagt, Kisten hatte Frau T. keine mehr frei, auch keinen Platz, wo sie die Küche trocken unterstellen konnte. Also versprach ich ihr, mich zu kümmern und wieder zu melden.

Zurück in meinem Auto war guter Rat teuer - eigentlich wäre ich am liebsten abgehauen; "Fangen Sie sich einen von der Straße, der mit anpackt!" hatte Frau K. im Rathaus mir empfohlen und also fuhr ich einfach mal los. Um zwei Ecken herum standen die Häuser höher, die Leute hatten wesentlich weniger Wasser im Keller, durch Schläuche pumpten sie bereits das Wasser auf die Straße. Ein paar Heimgekehrte standen herum, ich erfuhr, dass es dort auch teilweise schon wieder Strom gab.

Ich wandte mich an eine Gruppe und schilderte einfach die Lage. "Ich such' einen Platz, wo die Küche von der Frau T. erst mal trocken stehen kann!" sagte ich und ein jüngerer Mann, Heiko, sagte kurzentschlossen: "Na, bei mir!" Das war eine ganze Familienbande, die da beieinander stand, Heikos Vater Rolf bot Hilfe beim Abbau an und die Oma brachte Körbe und Kisten.

Namen und Telefonnummern wurden ausgetauscht und ich fuhr zu Frau T. zurück. Da habe ich dann erst mal alle Schrankinhalte in Kisten geräumt und ins obere Stockwerk getragen, während Frau T. räumte und erklärte.

Überhaupt hatte ich's in diesen Tagen mit Menschen zu tun, die unter Schock standen, kaum realisierten, was ihnen widerfahren war und zum Glück noch nicht wussten, was ihnen noch alles bevorsteht. Die meisten wollten einfach nur reden, erzählen, liefen über wie zuvor ihre Flüsse. Ich hörte einfach nur zu.

Das Haus neben dem von Frau T. machte einen sehr verwahrlosten Eindruck und die alte Dame erzählte mir, dass dort eine wohnt, die einen Betreuer braucht, weil sie ihr Leben nicht im Griff hat. "Als wir evakuiert wurden, kam sie aus dem Haus gelaufen und wollte wissen, warum denn alle weggingen und wieso alle Geschäfte geschlossen wären, sie brauchte doch Zigaretten. Da hat ihr jemand eine Schachtel von sich angeboten, aber sie wollte gleich zwei, eine tät' nicht lange reichen!" Kopfschütteln. Keiner wollte so richtig mit der verwirrten Frau zu tun haben, sagte Frau T.

Küchentisch und Stühle lud ich schon mal in mein Auto. Genau da kam dann besagte Frau aus dem Nachbarhaus: "Gretel, mein Keller ist voller Wasser!" klagte sie der Frau T. - "Na, da musst Du zum Rathaus, das melden!" erhielt sie die Antwort. "Ja, wie soll ich denn da hinkommen?" war die verdatterte Reaktion. "Ich fahr' Sie!" sprach ich, das war kein großer Umweg. "Und wie komm' ich dann zurück?" wollte sie sich partout nicht beruhigen lassen. "Ich fahr' sie auch zurück!" bot ich ihr an und da atmete sie dann auf.

Die zuckerkranke Frau T. fuhr zu einer ihrer Töchter zum Mittagessen, die konnte wohl grillen oder hatte zeitweise Strom. Ich brachte ihre verwirrte Nachbarin, die mich nötigte, durch den im Hof gelegenen Eingang einen Blick in ihren Keller zu werfen - dort dümpelte eine Menge Kram - zum Rathaus, Tisch und Stühle zu Rolf und Heiko und holte auf dem Rückweg die Nachbarin wieder im Bürgermeisterbüro ab. Die war wirklich wie ein Kind - und mit ihrem kindlichen Gemüt sorgte sie sich wegen der Mücke, mit der ich letzte Nacht mein Auto geteilt hatte und die den Ausgang noch immer nicht gefunden hatte. Nach dem dritten Anlauf hatte sie die Mücke auf meinem Arm erlegt und war sehr zufrieden mit sich. ^^

So kann eine Stunde auch 'rumgehen.

Bald danach stand ich mit Rolf und Heiko vor Frau T.'s Haus und wartete auf sie. Dann begutachteten wir gemeinsam die Küche. Das Wegrutschen des Fußbodens war dramatisch und die kalte Feuchtigkeit darunter war zu spüren.

Frau T.'s Tochter und Schwiegersohn, ein Elektriker, kamen auch dazu. Ich machte mich bekannt und ganz ehrlich, die beiden wirkten zum Erbarmen abwesend auf mich, beinah apathisch.  Die Elektrogeräte sollten ausgebaut werden, ich fuhr wieder zu Rolf und Heiko, um in deren Hof das Zeug aus meinem Auto abzuladen, damit ich die Küche von Frau T. transportieren konnte.

Wieder vor Ort, traf ich den Schwiegersohn an und der fluchte; die Küche sei hinüber, er habe ja gar keine Ahnung von sowas, er könne es ja nur kaputtmachen beim Zerlegen. Den Backofen hatte er schon ausgebaut, das Ceranfeld steckte fest. "Das habe ich damals nur in die Arbeitsplatte hinein gelegt, das Holz muss sich verzogen haben, das kannste vergessen!" schimpfte er.

Seine Frau und ich beruhigten ihn erstmal, wir drückten und knibbelten. Richtig, der Schaumstoff, auf dem das Kochfeld auflag, hatte sich im Laufe der Jahre zersetzt und war klebrig geworden. Das ging doch!

Trotzdem wurde beschlossen, am andern Tag einen andern Teil der Familie, der "vom Fach" sei, heran zu holen, um die Küche abzubauen, Rolf und Heiko wollten dann ihren Anhänger zur Verfügung stellen, mein Auto würde nicht gebraucht werden.

Naja, es war schon Nachmittag, ich musste ja auch noch irgendwie wieder heim. Und eingestielt hatte ich das Ganze, die richtigen Leute in Kontakt gebracht, das würde nun auch funktionieren. Also verabschiedete ich mich, ich spürte noch immer Schock bei allen, dann fuhr ich um die zwei Ecken, um meine Matratze und mein übriges Zeug wieder einzuladen, verabschiedete mich von Heiko und Rolf, sah noch bei Frau K. im Rathaus vorbei, um auch dort "Auf Wiedersehen!" zu sagen.

Dann machte ich mich auf meine sechsstündige Heimfahrt.

Ich denke, ich fahr' nochmal hin.

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