Sonntag, März 13, 2016

Alte Geschichten

Im Web gibt es vielerlei Ansätze, sich mit der Geschichte der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg zu befassen. Die damals Vertriebenen haben ein Netz gewebt, das sich heute eben auch im Virtuellen wiederfindet. Ich stöbere darin immer wieder mal herum. In Polen gibt es Menschen, die es den Nachfahren der Geflohenen erleichtern wollen, nach ihren Wurzeln zu forschen. Es gibt Freundschaften. Was ich noch nicht gefunden habe, sind Berichte darüber, wie es den Menschen ging, die die Plätze einnahmen, die da frei wurden. Das interessiert mich schon sehr.

Worauf ich gestern stieß, verstört mich und ich habe es noch nicht eingeordnet. Es könnte wieder meinen Blickwinkel ändern, aber ich sträube mich gegen neue Ressentiments. Ich würde sie eh' nicht zu meinen machen, da ich so nicht denke, nicht in nationalistischen Ansprüchen und so weiter, Nationalität ist eine Illusion, das ist meine Art, die Welt zu betrachten. 

Es ist die Rede davon, dass nur ein Drittel derjenigen, die das Land einnahmen, selbst Vertriebene waren. Der Hauptteil soll aus Zentralpolen gekommen sein - weil Polen Pommern schon immer haben wollte. Die Hälfte der ursprünglichen Bevölkerung soll noch da gewesen sein, Vertreibung soll es bis 1957 gegeben haben. Auch, weil die Menschen aus der Mitte des Landes keine Ahnung hatten von den maritimen Breiten, es keine polnischen Fachkräfte gab für das Leben und Arbeiten am Meer. 

Da sind sie wieder, die alten Anklagen zielstrebigen "Wegnehmens". Für mich spielt das eine ganz andere Rolle, weil mich interessiert, wie die Umstände waren, um wenigstens eine vage Vorstellung davon zu bekommen, was das mit den Menschen gemacht hat, egal, wer sie waren. Den Geist zu verstehen, der dort wehte.

Der Vorwurf, der die geschichtlichen Fakten durchzieht, der ist es, der mich so misstrauisch macht. Die Fakten, ja. Ob es welche sind, das zu fragen finde ich dann doch von zweifelhafter Wichtigkeit. Denn es gibt keine absoluten Wahrheiten und immer wieder bin ich überrascht, wie winzig klein die Unterschiede in den Formulierungen sein können, um doch eine Aussage in ihr völliges Gegenteil zu verwandeln.

Kommt herzu, dass, was gesagt wird, niemals deckungsgleich ist mit dem, was gehört wird. 

Da bin ich ganz bei Luisa Francia: Die winzigste Nuance in der Sprache kann gar nicht überschätzt werden in ihrer absoluten Macht.

1 Kommentar:

Oona hat gesagt…

"Kommt herzu, dass, was gesagt wird, niemals deckungsgleich ist mit dem, was gehört wird.

Da bin ich ganz bei Luisa Francia: Die winzigste Nuance in der Sprache kann gar nicht überschätzt werden in ihrer absoluten Macht."

An diesen beiden Sätzen bin ich hängengeblieben.
Sie haben mich gerade sehr berührt.
Danke.

Beste Grüße
Oona