Samstag, März 05, 2016

Was raus muss

Ich war in Polen. Bevor ich diese Reise antrat, habe ich mir Sorgen gemacht, ob ich auch alle Antworten bekommen würde, die ich haben wollte. Als ich dort war, hatte ich überhaupt keine Fragen mehr. Es ging nur noch um "Da Sein" und "Fühlen" und es war alles sehr gut so. Die Erbsenzählerin in mir hat einen Platz geräumt.

Die Familie hat immer geschwiegen. Alles, was die Eltern meines Vaters über diesen Teil der Familiengeschichte erzählt haben, hat in mir das Bild erzeugt von einem verlorenen Stück Deutschland und zwischen den Zeilen stand, dass dieses Gebiet immer deutsch gewesen sei. Was das anbelangte, habe ich mir nie Gedanken gemacht, da war ich ganz unkritisch.

Aber dass die Oma immer die Polen nicht mochte und schimpfte, dass diese "alles verkommen ließen", das habe ich irgendwann hinterfragt. Nicht aktiv, es war mehr ein flüsternder Begleitstrom am Rande meines Lebens, ein Wissen, das irgendwie "mitschwamm" und je älter ich wurde, je reifer wurde dieses Bild.

Die Menschen, die die Plätze einnahmen von denen meine Vorfahren vertrieben wurden, waren selbst Vertriebene. Wie ist es ihnen ergangen? Sie bezogen Häuser, in denen das Leben der Geflohenen noch überdeutlich klebte. Wer wies wem welchen Besitz zu? Gab es vielleicht Streit? Soviel Habe muss doch da geblieben sein, dass ich mir vorstelle, die Gebäude hätten nicht gewirkt, als sei jemand dauerhaft ausgezogen, sondern käme im nächsten Moment wieder zur Tür herein.

Meine Großeltern haben immer geschwiegen. Keine Ahnung, wie viel die Oma mitgenommen hat auf ihrer Flucht, die doch angstvoll und traumatisch gewesen sein muss, meinen dreijährigen Vater auf dem Arm, seine große Schwester an der Hand.

Was macht das mit einem Menschen, in solch einem verlassenen Haus Unterschlupf zu finden und damit zu rechnen, demnächst sowieso wieder verjagt zu werden? Im heutigen Pommern glaubte ich viel von einer schweren Depression zu fühlen und zu sehen; sind die Polen ein Volk, dass einen Schlag erlitten hat und noch nicht ganz glauben kann, dass dieser abgeklungen sein soll, dass da nichts mehr kommt? Auch darüber kann ja Wut entstehen, dass einer zuschlägt und sich dann quasi in Luft auflöst, es nicht zu Ende bringt, so oder so. Nur so ein Gefühl von mir. Und Wut, die nicht ausagiert wird, kehrt sich gegen Dich, das habe ich am eigenen Leib erfahren.

Na, und dann die Sache mit der Nationalität. Danzig, das eine bewegte Gesichte hat, das Land darum herum. Eigentlich ist das gar nicht eindeutig, sind meine Vorfahren gar nicht "so" deutsch. Da ist die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen.

Mein Großvater ist 1905 geboren. Als der Vertrag von Versailles geschlossen wurde, war er fünfzehn Jahre alt. Sicher hat er damals schon eigenes Geld verdient, ich weiß, dass er in der Landwirtschaft gearbeitet hat, er war quasi erwachsen. Wie hat er sich gefühlt? Als was hat er sich gefühlt? Was ich inzwischen von der Geschichte dieser Gegend verstanden zu haben glaube, ist, dass es immer irgendwie deutsch und polnisch zuging dort.

Meine Oma ist Jahrgang 1914 gewesen, bei ihrer Geburt war der erste Weltkrieg schon ausgebrochen. Keine Ahnung, wie es ihr erging. Eigentlich weiß ich nicht mal, wann meine Großeltern geheiratet haben. Das Schweigen jedenfalls haben ihre Kinder übernommen, von seiten meiner Mutter war diese Familienkultur dieselbe. Die Geschwister beider Elternteile haben gar keinen Kontakt mehr miteinander. Kriegskinder durch mehrere Generationen hindurch.

Dass die Familien von Emma und Arthur sich schon länger gekannt haben könnten, habe ich dank Internet bereits vor meiner Reise heraus gefunden. Beide Urgroßväter dieser Seite waren bei der Reichsbahn beschäftigt, wahrscheinlich. Ein Ahne von Seiten meiner Oma ist als siebzehnjähriger Fischer bei einem Sturm in der Ostsee ertrunken. Soviel für die Erbsenzählerin. Dass der Mann, den ich für den Vater meines Großvaters halte - wie er mit Vornamen hieß, ist mir nämlich nicht bekannt, aber ich habe tatsächlich ein Foto entdeckt von einem Mann namens Ferdinand, von dem meine Tochter unvoreingommen genauso wie ich findet, dass er aussieht wie mein Vater - erst ein Jahr vor meiner Geburt gestorben ist, macht mich ganz kribbelig. Da muss doch noch irgend ein Kontakt bestanden haben in all' den Jahren?

Bemerkenswert auch, dass Emma und Arthur schon vor dem Krieg (aber wann genau?) an den Niederrhein kamen. Ihr erstes Kind, die Schwester meines Vaters, ist hier geboren. Dann kam der Krieg, Arthur wurde eingezogen und Emma war allein hier mit einem kleinen Kind. Sie ging zurück nach Pommern, da war ihre Familie. Begreiflich. Womöglich fühlte sie sich hier obendrein nicht integriert? (Nicht nur die aktuelle Flüchtlingssituation und mein vehementer Einsatz für den sozialen Frieden hier, wo ich lebe, bringen meinen Mund und mein Herz zum Überlaufen und Zerspringen, wenn ich darüber nachdenke ... )

Arthur bekam während des Krieges wohl nicht nur einmal Fronturlaub. Und den verbrachte er in diesem winzigen Kaff, das schneller durchfahren als der Name ausgesprochen ist. Er zeugte meinen Vater, den Emma dann als Dreijährigen während der ganzen Flucht auf dem Arm getragen hat - das zumindest wollte sie nicht für sich behalten, das hat sie sogar mir erzählt. Die Russen kamen. Der jüngere Sohn von Emma und Arthur wurde in derselben Stadt geboren wie ich.

Wenn ich auf meine Familiengeschichte zurück geblickt habe, habe ich immer nur den zweiten großen Krieg gesehen. Aber der Erste ist mindestens genauso übermächtig gewesen, wenn nicht sogar noch prägender, weil er meine Großeltern - die im Osten und die am Niederrhein - in jungen Jahren traf.

Und von diesem Erbe habe ich etwas weiter gegeben. Weil ein Menschenleben nicht reicht, um ein Trauma ganz aufzuarbeiten, das von zwei Generationen tot geschwiegen wurde.

Ich verstehe, dass gesagt wird, es dauere sieben Generationen, die Folgen eines Krieges in einem Volk zu heilen.

Was heißt das für die heutigen Polen?

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